Autor: Jonny Moser
Vor der „Endlösung der Judenfrage“ durch die Nazis setzte parallel zum Druck auf Auswan-derung auch eine kurzfristige Aktion im Oktober 1939 ein, bei der man eine Ansiedlung der Juden in das eroberte polnische Gebiet in Angriff nahm. Nisko, ein kleiner Ort im besetzten Polen, sollte zum Ausgangspunkt für dieses von der SS geplante „Judenreservat“ werden. Erste Züge mit deportierten Männern aus Wien, Mährisch-Ostrau und Kattowitz erreichten auf Befehl von Adolf Eichmann den Ort, auch wenn das Vorhaben inzwischen abgeblasen worden war. So rasch wollte die SS auf das Sammeln von Erfahrungen bei Massendeportatio-nen nicht verzichten. Da jedoch keinerlei Voraussetzungen für ein selbst verwaltetes jüdisches Gebiet geschaffen worden waren, ließ man kurzerhand ausgewählte Männer das Baracken-lager Zarzecze aufbauen. Der Rest wurde gleich nach der Ankunft in die umliegenden Wälder verjagt, flüchtete unter schwierigsten Bedingungen auf sowjetisches Gebiet und landete später meist im sibirischen Arbeitslager. Als die Sowjets ihre Grenzen bald dicht machten, blieb den Männern keine andere Möglichkeit, als sich mit gegenseitiger Hilfe in provisorischen Lagern zusammen zu tun. Nach bangem Warten und zähem Verhandeln der jüdischen Kultusgemeinden im Frühjahr 1940 wurden sie wieder nach Wien zurückgeschickt – und später ins KZ verschleppt. Nur wenige Deportierte überlebten dieses Unterfangen.
Jonny Moser, der Pionier der österreichischen Holocaustforschung, hat über Jahrzehnte zur Aktion Nisko recherchiert und wertvolle Dokumente gesammelt. Sein Buch bringt eine umfassende Darstellung zu den ersten Judendeportationen und schließt eine der letzten Lücken in der Holocaustforschung. Zu seinen ergiebigsten Quellen zählen die täglich geführten Aufzeichnungen des deportierten Ernst Kohn, der als Leiter einer Spitalsstation gewissenhaft alles notierte, was für die Organisation seines Lagers von Bedeutung war. Mithilfe seiner Schilderungen eröffnet sich dem Leser der mühsame Alltag der deportierten Männer. Die vor Ort in raschen Strichen zu Papier gebrachten Zeichnungen des ebenfalls deportierten Künstlers Leo Haas vermitteln einen weiteren Blick in die Szenerie der zum Scheitern verurteilten Aktion.
Zum Autor: Dr. phil. Jonny Moser (1925-2011), als Sohn einer jüdischen Familie aus dem Burgenland 1940 ins Exil vertrieben, überlebte er zunächst im Untergrund, später als Mitar-beiter von Raoul Wallenberg in Budapest. 1945 kehrte er nach Österreich zurück. Studium der Geschichte an der Universität Wien. Ab 1964 Vorstandsmitglied des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Zahlreiche Vorträge und Publikationen zur Ver-folgungsgeschichte der Juden während der Nazi-Zeit.
Preis EUR: 22,50
Edition Steinbauer