Die „Euthanasie”-Massenmorde stellen in ihrer Gesamtheit eines der großen Massenverbrechen des NS-Regimes dar. Neuere Forschungen gehen von einer Mindestzahl von 196.000 Opfern innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches einschließlich der annektierten Gebiete aus. Dazu kommen noch 80.000 Tote in psychiatrischen Einrichtungen in den besetzten Gebieten Polens, der Sowjetunion und Frankreichs sowie 20.000 ermordete KZ-Häftlinge. Unter den verschiedenen Tatkomplexen ist die mit dem Kürzel „T4” bezeichnete Gasmordaktion der Jahre 1939 bis 1941 die bekannteste. Schloss Hartheim und die anderen Tötungsanstalten der T4 stellten die ersten Institutionen der Geschichte dar, die der massenhaften, serienmäßigen Vernichtung von Menschen dienten; sie waren Vorbild und Vorstufe für die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt”, in denen in wesentlich größerem Stil gemordet wurde.
Widerstand spielte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, zeigte er doch dem Regime gewisse Grenzen bei der Organisation eines Massenmordes inmitten der deutschen (und österreichischen) Gesellschaft auf. Die Palette der Widerstandsaktionen umfasste Flugschriften, Schmieraktionen, Protestbriefe und Eingaben, ja sogar Kundgebungen in Wien. Öffentliche Proteste vor allem von kirchlicher Seite führten letztlich zur offiziellen Einstellung des T4-Programms, ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Dritten Reiches. Dabei drängt sich ein Vergleich zur Verfolgung der Jüdinnen und Juden auf, die auf keine vergleichbaren Reaktionen stieß und weitgehend ungehindert durchgesetzt werden konnte.
Mag. Dr. Herwig Czech, Jahrgang 1974, Studium der Geschichtswissenschaften an den Universitäten Graz, Wien, Paris VII und Duke (North Carolina). Lehraufträge an den Universitäten Wien, Wroclaw und Newcastle. Seit 1999 u.a. Mitarbeiter am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes mit Arbeitsschwerpunkt Medizin und Biopolitik im Nationalsozialismus. 2007 Promotion mit einer Arbeit zum Wiener Gesundheitswesen im Nationalsozialismus. Seit 2011 APART-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Einladung Widerstand gegen Euthanasie