DER SOZIALDEMOKRATISCHE KÄMPFER - NUMMER 7 - 8 - 9 / 2003
Ist die Hoffnung zerstört?

Fischer und Espinoza Sandoval Nationalratspräsident Fischer begrüßt den Klubobmann der SP Chiles Espinoza Sandoval

Vor 30 Jahren putschte in Chile das Militär gegen Salvador Allende

Am 11. September waren es 30 Jahre seit dem Militärputsch in Chile. Es ist erstaunlich, welche Beachtung dieser Jahrestag in den Medien in Österreich und weltweit fand. In Chile wurde in den letzten Jahrzehnten über Allende weitgehend geschwiegen, die Kinder erfuhren in den Schulen kaum etwas von der jüngsten Vergangenheit ihres Landes. Zum 30. Jahrestages des Putsches weigerten sich die Christdemokraten Salvador Allende zu gedenken, die rechten Parteien sehen in Pinochet noch immer den Retter vor dem Marxismus. Aber die Bevölkerung, ein Großteil hat ja diese Zeit nicht selbst miterlebt, will heute wissen, was damals geschah. Es gibt in Chile eine ausführliche und durchaus objektive Fernsehserie zur Vorgeschichte des Putsches und über die Zeit der Militärdiktatur. Allende wird heute als wichtige historische Persönlichkeit wahrgenommen.

Mit dem Militärputsch und dem Tod Allendes wurden in Chile und weltweit große Hoffnungen zerstört. In Chile konnte die Unidad Popular (UP), eine Koalition von sechs Linksparteien, in der die Sozialisten und Kommunisten die stärksten Gruppen waren, am 4. September 1970 die Präsidentschaftswahl mit Salvador Allende an der Spitze knapp für sich entscheiden. Allende hatte nur eine relative Mehrheit, erst durch die Abstimmung im Parlament, wo auch die Christdemokraten für ihn stimmten, konnte er Präsident werden. Seine Regierung brachte eine Lawine von sozialen Reformen: Initiativen im Bildungswesen, um allen die Schulen zu öffnen, für die sie begabt sind, Kampf der Unterernährung, für jedes Kind in den Stadtrandsiedlungen gratis einen halben Liter Milch täglich, Ausbau des Gesundheitswesens und Öffnung für die Mittellosen, sozialer Wohnbau, massive Erhöhung der Löhne und Gehälter, dadurch Stärkung der Kaufkraft und Erhöhung der Produktion, wodurch die Arbeitslosigkeit fast ganz beseitigt wurde, rasche Durchführung der Landreform, die unter seinem Vorgänger Eduardo Frei, ein Christdemokrat, begonnen wurde, aber durch den Widerstand der Großgrundbesitzer zum Stillstand gekommen war. Wiederherstellung der Landrechte der Indigenas, besonders der Mapuche im Süden.

Chile ist das Land mit den größten Kupfervorkommen der Welt. Aber es waren nordamerikanische Firmen, die die Minen ausbeuteten und Chile ging praktisch leer aus. Allende verstaatlichte diese Minen, diesem Gesetz stimmten im Parlament alle Parteien zu, auch die rechten. Die Firmen sollten für ihre Investitionen entschädigt werden, doch als berechnet wurde, was sie Chile alles gestohlen hatten, ergab sich für die Firmen ein großes Minus. In den Fabriken versuchten Unternehmer immer wieder gegen die Rechte der Arbeiter zu agieren, was dazu führte, dass viele Betriebe unter eine vorläufige staatliche Verwaltung gestellt wurden, also keine Verstaatlichung im eigentlichen Sinn.

Diese Politik brachte 1971 der UP bei den Kommunalwahlen einen starken Stimmenzuwachs (51 % gegen 37 % bei der Präsidentschaftswahl), ja auch noch im schwierigen Jahr 1973 wählten im März 43 % Abgeordnete der Regierungskoalition. Dieser Stimmenzuwachs zeigte den Gegner Allendes, dass diese Regierung durch demokratische Mittel nicht gestoppt werden kann. Gegner waren die Großgrundbesitzer - auch sie bekamen für das an die Bauern verteilte Land eine Entschädigung, allerdings nur in der Höhe des Wertes, den sie für die Steuer angegeben hatten, die von der Intervention betroffenen Unternehmer, das Finanzkapital und schließlich das Imperium im Norden, das eine fatale Beispielswirkung auf ganz Lateinamerika befürchtete.

Die Machenschaften gegen die UP waren ja schon lange im Gange, gleich nach der Wahl Allendes kam es zur Ermordung des Oberbefehlshabers des Heeres, General Schneider, weil dieser gegen den rechtmäßig gewählten Präsidenten nicht putschen wollte. Im Oktober 1972 inszenierten die Unternehmer, die auch den LKW- und Busverkehr kontrollierten, einen den ganzen Monat andauernden landesweiten Streik, der durch eine großartige Mobilisierung der Linken in seinen Auswirkungen relativiert werden konnte. Die USA hatten ein Embargo verhängt, sie kauften Chile weder Kupfer noch sonst was ab und ließen Kupferschiffe in europäischen Häfen beschlagnahmen. Allende musste alte Schulden zurückzahlen, bekam aber keine neuen Kredite. Ersatzteile aus den USA wurden nicht mehr geliefert, Nixon und Kissinger kamen ihrem Ziel, die Wirtschaft in Chile zu zerstören, schon sehr nahe.

Die Christdemokraten liefen nun zum Gegner über, sie schlugen sich, wie so oft in ihrer Geschichte, auf die Seite des Stärkeren. Sie versuchten es mit Massenmobilisierung gegen die UP, hatten sie doch im Mittelstand, bei den Landarbeitern und auch unter den Arbeitern eine große Anhängerschaft. Sie veranlassten die Arbeiter und Angestellten der großen Kupfermine El Teniente zu streiken und inszenierten einen Marsch nach Santiago. Eine Aktion, die zwar ökonomisch viel schadete, aber letztlich im Sand verlief, weil keine allgemeine Massenbewegung daraus wurde, wie die Christdemokraten gehofft hatten. Und wieder ein Streik der Fuhrwerksunternehmer, der sich die Monate Juli und August hinzog. Gegen Lastwagen, die dennoch fuhren, wurden Attentate verübt, ebenso auf die wenigen Bahnlinien. Die Versorgung brach zusammen, Müdigkeit und Resignation machte sich breit. Draußen vor der Stadt standen die Lastwagen zu Tausenden, Unternehmer und Fahrer wurden mit CIA-Geldern dafür bezahlt, dass sie nicht arbeiteten.

Die Spannung stieg von Tag zu Tag, ein erster Putschversuch Ende Juni blieb eine isolierte Aktion, aber die Verfolgung der Putschisten war sehr nachlässig. Kardinal Silva wollte einen Dialog zwischen Regierung und Christdemokraten zustandebringen, aber die Christdemokraten wollten nur mehr diktieren. Schließlich entschloss sich Allende zu einer Volksabstimmung, um aus der politischen Pattstellung zwischen Parlament und Regierung herauszukommen und um eine Eskalation zu vermeiden. Pinochet wusste davon und schlug zu, bevor Allende diesen Entschluss der Öffentlichkeit mitteilen konnte.

Die Brutalität der Putschisten übertraf alles, was Chile jemals erlebt hatte. Tausende ermordet, etwa 600.000 gingen durch Gefängnis und Folter, etwa eine Million musste ins Ausland flüchten, etwa 1200 Menschen sind bis heute verschwunden, Entführte, über deren Schicksal es bis heute keine Information gibt. Eine Brutalität, die aus Rassismus, aus der Verachtung für die Unterschicht und aus der Propaganda des Antikommunismus entsprang.

Die Entrüstung über den Putsch war weltweit. Es gelang der internationalen Solidaritätsbewegung, Pinochet zu isolieren. Er wurde nirgends empfangen, er musste wenigstens einen Teil der politischen Gefangenen freilassen. Seine Schreckensherrschaft dauerte fast siebzehn Jahre. In den Achtzigerjahren war die Volksbewegung gegen ihn so stark geworden, dass er Konzessionen machen musste. 1988 verlor er die Abstimmung über einen weiteren Verbleib als Präsident, Ende 1989 gab es die ersten freien Präsidentenwahlen, sie gewann Patricio Aylwin, gemeinsamer Kandidat von Christdemokraten, Sozialdemokraten und Sozialisten. Pinochet blieb Heereschef, dann Senator auf Lebenszeit. Bei einem Großbritannien-Aufenthalt auf richterlichen Antrag unter Hausarrest gestellt, entzog er sich einem Prozess durch eine angebliche Demenz.

Pinochets Verfassung aus dem Jahre 1980 ist noch in Kraft, mit vielen Einschränkungen der Demokratie. Die Generalamnestie von 1978, mit der alle Verbrechen der Uniformierten bis zu dieser Zeit nicht zu belangen sind, gilt noch immer, weil die rechten Parteien ihre Abschaffung blockieren. Die Opfer und deren Angehörigen sind noch immer schlecht gestellt, weder Wahrheit noch Gerechtigkeit gibt es.

Ist die Hoffnung zerstört? Viele gedachten mit Isabel Allende, der Tochter des Präsidenten, der Opfer des Putsches mit einer mehrtätigen Musikveranstaltung im Nationalstadium, das als KZ benutzt worden war. Das große Musikfest hatte den Titel, "Der Traum lebt." Traum und Hoffnung sterben nicht, aber sie werden nicht so schnell Realität, wie wir es uns wünschen.

Herbert Berger

Hartheim: Von Ausgrenzung zum Massenmord

Schloss Hartheim Schloss Hartheim in Oberösterreich:
Hier fanden im Krieg die Euthanasiemorde
der Nationalsozialisten statt.

Im Zentrum der sehenswerten Ausstellung "Wert des Lebens" im Schloss Hartheim steht die Haltung und der Umgang der Gesellschaft mit behinderten Menschen. Der betrachtete Zeitraum erstreckt sich vom Zeitalter der Industrialisierung bis zur Gegenwart. Der Bogen spannt sich von der Sortierung der Menschen in ökonomisch "Brauchbare" und "Unbrauchbare" am Beginn der Industriegesellschaft bis zur aktuellen Forderung nach gesellschaftlicher Gleichstellung behinderter Menschen.

Die Ermordung behinderter Menschen als "lebensunwertes Leben" im Nationalsozialismus bildet in dieser Entwicklung das negative Extrem und einen Brennpunkt der Reflexion, war doch Schloss Hartheim von 1940 bis 1944 eine der sechs Euthanasieanstalten des Dritten Reiches und steht somit als mahnendes Beispiel dafür, wo Ausgrenzung enden kann.

Die Vorstellung einer existenziellen Bedrohung der europäischen Gesellschaften durch eine "Degeneration im Inneren", verursacht durch die "überproportionale Vermehrung Minderwertiger", bildete ab 1900 ein zentrales Element der gesellschaftspolitischen Diskussion in Europa wie in den USA. Die Menschenverluste des Ersten Weltkriegs spitzten diese Standpunkte noch zu: während die besten jungen Männer, so der allgemeine Tenor der Eugeniker, in diesem Krieg ihr Leben lassen mussten und damit für die Weitergabe ihrer wertvollen Erbsubstanz verloren waren, vermehrten sich die "Minderwertigen" ungebremst.

Sozialpolitiker und Mediziner aller politischen Richtungen, darunter auch Sozialdemokraten (an dieser Stelle sei auf den hervorragenden Ausstellungskatalog hingewiesen), beschäftigten sich auf der theoretischen Ebene intensiv mit Themen wie Geburtenregelung und Menschenökonomie, Auslese und Zuchtwahl, Entartung und Aufartung. Alle gesellschaftlich relevanten politischen Strömungen nahmen zum Einsatz eugenischer Instrumente in der Sozialpolitik Stellung - die meisten positiv.

In der tiefen wirtschaftlichen Krise der späten zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde der Ruf nach einer Lösung des Problems der Nichterziehbaren ("Asozialität") und Nichttherapierbaren ("Erbkranke") immer lauter. Das Kriterium der (ökonomischen) Nützlichkeit menschlichen Lebens gewann unter dem durch die Krise verschärften Kostendruck im Sozial- und Gesundheitswesen eine neue Dimension: nun wurde zunehmend lauter darüber diskutiert, ob und wieweit staatliche Fürsorgemittel überhaupt für die Unterstützung von "Minderwertigen" eingesetzt werden sollten.

NS - Lebenskunde Einschlägige Kapitel in einem nazideutschen
"Lebenskunde"-Schulbuch für Gymnasien.

Im Dritten Reich wurde bereits am 14. Juli 1933 ein "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" beschlossen. Es sah die Zwangssterilisierung von Geisteskranken vor, von denen angenommen wurde, dass ihre Krankheit vererbbar sein könne. Weitere Gesetze folgten, so ein Ehegesundheitsgesetz, das Eheverbote festlegte, wenn "für die Volksgemeinschaft unerwünschter Nachwuchs" zu erwarten war. Auf diese Weise sollte vor allem der Nachwuchs so genannter "Asozialer" verhindert werden. Dazu kamen die Rassegesetze, die Sexualverkehr und Ehen zwischen Juden und "Ariern" unter Strafe stellten. Das war erst der Anfang. Im Krieg begann die systematische "Ausmerzung" Geisteskranker, Behinderter und "Asozialer" durch Mord.

Vom Frühjahr 1940 bis August 1941 wurden aus Krankenanstalten, Pflege- und Altenheimen des südostdeutschen Raumes planmäßig "nicht besserungsfähige" Insassen abtransportiert und in Hartheim ermordet; die sogenannte Hartheimer Statistik zählt 18.269 Opfer. Ab Sommer 1941 wurden in den Tötungseinrichtungen in Hartheim auch Häftlinge aus Konzentrationslagern ermordet. Vor allem Häftlinge der KZ Mauthausen und Dachau und der zahlreichen Nebenlager, aber auch ZwangsarbeiterInnen aus Osteuropa wurden in Hartheim bis Ende 1944 getötet.

Gaskammer, Technikraum, Leichenraum und Krematoriumsraum bilden den Ort der nationalsozialistischen Massentötungen. Allerdings erschließt sich die Geschichte dieses Ortes nicht von selbst. Dafür ist die Verwischung der Spuren durch die nationalsozialistischen Rückbaumaßnahmen der Jahreswende 1944/45 verantwortlich. Alle Tötungseinrichtungen wurden beseitigt, sodass bei oberflächlicher Betrachtung nichts mehr auf die Geschichte der Jahre 1940 bis 1944 hinweist. Die Räume mussten daher auf diese ihre Geschichte befragt werden. Erst wenn die Spuren des Geschehens gefunden, gesichert und gedeutet werden, können sie von den Besuchern auch "gelesen" werden. In diesem Sinn wurden die Spuren der NS-Euthanasie in diesen Räumen behandelt: zugemauerte Türen, die Spuren des Gasrohrs, der Abdruck der abgeschlagenen Fliesen im Fliesenbett wurden freigelegt und benannt. Die einschneidendste Maßnahme besteht aber in einem Schnitt durch die Tötungsräume, der die Anordnung der mechanisierten Tötungsstrecke sichtbar macht. Durch den Schnitt führt ein Steg, der den Weg der Besucher vorgibt. Die Tötungsräume können durchschritten, aber nicht betreten werden. Aus dieser Distanz heraus entscheidet jeder Besucher selbst, wie nahe er das historische Geschehen an sich heranlässt.

Auch in Bernburg, in Sachsen-Anhalt, befindet sich eine Gedenkstätte für Opfer der NS-Euthanasie. In Bernburg wurde neben vielen anderen unsere Genossin Käthe Leichter vergast. Ein Teil der 1875 gegründeten Anhaltischen Landes - Heil- und Pflegeanstalt Bernburg gehörte von 1940 bis 1943/45 zu den sechs Orten, in denen mehr als 70.000 kranke und behinderte Menschen und mehrere tausend KZ-Häftlinge in Gaskammern getötet wurden. Im Oktober 1940 wurde im Keller eine Vernichtungsanlage installiert, die im wesentlichen aus einer Gaskammer (ca.14 m2), einem Sezierraum, einem Leichenraum und einem Krematorium mit zwei Verbrennungsöfen bestand.

Wenn ein Transport mit PatientInnen, später mit KZ-Häftlingen, angekommen war, wurden die Menschen zunächst im Erdgeschoss registriert, entkleidet, fotografiert und zur Festlegung der (falschen) Todesursache an einem Arzt vorbeigeführt. Bis zum Eingang in die Gaskammer im Keller erfolgte die Begleitung durch Pflegepersonal. Jeweils 60 bis 75 Menschen wurden durch Kohlenmonoxyd-Gas erstickt. Nach der internen Statistik des nationalsozialistischen Regimes starben in der "Euthanasie"-Anstalt Bernburg vom 21. November 1940 bis zum 24. August 1941 9.385 kranke und behinderte Menschen.

Ab August 1941 wurden in "Euthanasie"-Anstalten Häftlinge aus Konzentrationslagern im Rahmen der sogenannten "Sonderbehandlung 14 f 13" ermordet, allein in Bernburg etwa 5.000 fast ausschließlich jüdische Häftlinge aus den Konzentrationslagern Buchenwald, Flossenbürg, Groß-Rosen, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen ("14 f 13" war die Geheimchiffre für die wirkliche Todesart, im Akt wurde "offiziell" eine natürliche Todesart angegeben). Nach der Einstellung der Morde blieben die wesentlichen Teile der Vernichtungsanlage baulich erhalten.

Der eigentliche Wahnsinn, den man beim Besuch dieser Gedenkstätten realisiert, ist, wie wenig Platz die Nazis für die komplette Vernichtung zehntausender Menschen und die Beseitigung der Spuren brauchten. Auch die Verbrechen der Nazis an Kranken und Behinderten dürfen "niemals vergessen" werden!

Gerald Netzl


Bezirksgruppen in Hartheim Mehrere Bezirksgruppen des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer
besuchten die OÖ Landesausstellung in Schloss Hartheim.

Die nach modernen Präsentationskonzepten gestaltete Landesausstellung, kann noch bis 3. November 2003 besichtigt werden.
Der Eintritt zur Ausstellung und zur Gedenkstelle ist kostenlos. Lediglich für die Führungen werden folgende Tarife verrechnet: Führung allgemein € 2,-- pro Person. Ermäßigter Führungstarif für Schulklassen und Personen mit besonderen Bedürfnissen € 1,-- pro Person.

Nähere Informationen im Internet unter: http://www.schloss-hartheim.at

Ewiggestriger Kärntner Heimatdienst

Ortstafelsturm 1972 hetzte der "Kärntner Heimatdienst" zum Ortstafelsturm

Wer die Zeitschrift dieses sogenannten Heimatdienstes vom August 2003 in die Hand nimmt, glaubt sich um Jahrzehnte zurück versetzt. Die Zeitschrift, die mit dem Untertitel "Kärnten frei und ungeteilt bei Österreich" erscheint - als ob dies heute irgend einen aktuellen Bezug hätte - tobt sich im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung, seitenweise gegen Slowenien und Tschechien aus. Sie titelt unter folgenden Überschriften: "Die Karawankengrenze muss auch nach EU-Beitritt Sloweniens bleiben" - "Keine Revision der Kärntner Volksabstimmung 1920" (no na). Im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung wird eine Großslowenische Vision, wobei Slowenien auch Kärnten umfasst, vehement bekämpft (da wird eine Gespenst aufgebaut, das durch keine ernsthaften Bestrebungen begründet ist. Anm. .d. Red.)

Dann kommt Tschechien dran: "Tschechiens Dank für Österreichs Kuschelkurs, Verhöhnung statt Versöhnung". Dabei wird ein Bild von Bundeskanzler Schüssel und Ministerpräsident Spidla gezeigt. Zusammenfassend fordert dann der KHD: "Druck auf Tschechien und Slowenien verstärken".

Und nun kommen die Juden und Zwangsarbeiter dran. Überschrift: "Weitere Millionen für NS-Zwangsarbeiter und für Jüdische Kultusgemeinde und noch kein Ende in Sicht". Fett gedruckt: "Stoppt endlich das NS-Sühnezahlungskarussell". Dann heißt es weiter: "An allen Ecken und Enden wird gespart, aber NS-Zwangsarbeiter werden aufgerufen, Entschädigungsantrag zu stellen". Nochmals ein antijüdischer Schlenker: "Die Israelitische Kultusgemeinde: Ein Fass ohne Boden".

Dann kommen noch die Afrikaner dran. Überschrift: "Wirbel um den Tod eines Afrikaners - Gutheuchler wollen Österreich zum fremdenfeindlichen Land stempeln". Zu guter Letzt kommen wird auf die Partisanen gezielt. KHD-Obmann fordert beim Fest der Kärntner Freiheit: "Macht dem Partisanenspuk ein Ende". In diesem Ton geht es weiter, ohne einen Hinweis auf die Verursacher des Partisanenkampfes, nämlich die nationalsozialistischen Kriegstreiber und Rassenfanatiker.

Als Anhängsel darf man noch eine "wichtige" Forderung des KHD erwähnen: "KHD für mehr deutsche Gottesdienste in den Kirchen Südkärntens". Jeder kann sich selbst einen Reim darauf machen, wie Europafreundlich und nachbarschaftlich manche dieser sogenannten nationalen Verbände sind. Dies auch zur Mahnung an jene Vertreter demokratischer Parteien, die immer gerne zu solchen Treffen pilgern.

e.n.

Angekündigte Neuerscheinungen

Drei interessante Bücher werden in der nächsten Zeit herauskommen:

Heinz Fischer "Wende - Zeiten" - Ein österreichischer Zwischenbefund. Verlage Krenmayr & Scheriau/Orac.

Hans-Landauer und Erich Hackl "Lexikon der Österreichischen Spanienkämpfer", Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft.

Willy Toth u. Karin Holzer "Vom Volksgerichtshof in die Gewerkschaftsspitze". Eine Biografie über das Leben und Wirken Alfred Ströers.

Wir werden diese Neuerscheinungen in der nächsten Nummer des Sozialdemokratischen Kämpfers besprechen.

Steirer bei deutschem Gedenken

Es war der 59. Jahrestag des gescheiterten Attentates auf Adolf Hitler, den die deutsche Bundesregierung nutzte, um der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus zu gedenken. Diese jährliche Veranstaltung in Berlin dokumentiert, dass die deutschen Nachbarn es schaffen, mit ihrer Vergangenheit ehrlicher und zumindest weniger wehleidig umzugehen, als dies oft bei uns geschieht. Eine steirische Delegation der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus unter Führung von Mag. Albert Kaufmann konnte auf Einladung der Deutschen Opferverbände an der Veranstaltung teilnehmen.

Im Berliner Bendlerblock, der Hinrichtungsstätte der Stauffenberg-Attentäter, legte Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) einen Kranz nieder. Seine Kernaussage: "Die Widerstandskämpfer haben dem anderen Deutschland ein Gesicht gegeben". Auch wenn in linken Kreisen in der BRD immer wieder betont wird, dass es historisch nicht klar sein könne, welchen Weg die Geschichte bei einer erfolgreichen Ausschaltung des Hitler-Regimes durch die Stauffenberg-Gruppe genommen hätte, ist der stolze Hinweis auf die Existenz eines Widerstandes offensichtlich identitätsstiftend. Feierstunden dieser Art gibt es bei uns leider nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dafür wird derzeit immer stärker versucht, einen Diktator wie Dollfuß als "Widerstandskämpfer" hinzustellen.

Anlässlich eines Empfanges für die Deutschen Opferverbände im Berliner "Roten Rathaus" sagte Bürgermeister und Wirtschaftssenator Harald Wolf: "Die Offiziere des 20. Juli brachen in beispielloser Weise mit der überlieferten Verpflichtung zum Kadavergehorsam". Und Walter Momper, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, hatte zuvor erklärt: "Der 20. Juli mahnt uns, alles dafür zu tun, dass sich die Verbrechen von damals nie wiederholen".

Dass diese Form des Gedenkens natürlich nicht auf ungeteilte Zustimmung, vor allem bei jüngeren Leuten, stößt, zeigte eine "Gegenveranstaltung": In dieser wurde dagegen protestiert, dass die Widerstandsfeier auch die Angelobung von Rekruten der Bundeswehr beinhaltet. So trugen als Rekruten verkleidete Frauen und Männer des Bündnisses "Gelöbnix" symbolisch einen Soldaten zu Grabe. Fast unvorstellbar, welche Reaktion eine solche Demonstration bei heimischen Medien, insbesondere bei der Kronen Zeitung, hervorgerufen hätte.

Am Rande der Veranstaltungen ergab sich die Gelegenheit für den steirischen Vorsitzenden Mag. Albert Kaufmann, ein Gespräch mit der ehemaligen Bundestagspräsidenten Annemarie Renger zu führen. Sie ist die Präsidentin der Deutschen Widerstandskämpfer und Opferverbände. Es wurde ein weiterer intensiver Gedankenaustausch der steirischen Widerstandskämpfer mit befreundeten deutschen Organisationen vereinbart.

Nationalsozialistische Zwangsarbeit am Beispiel von Kaprun

Kraftwerk Kaprun Das Speicherkraftwerk Kaprun ist der Stolz
der österreichischen Elektrizitätswirtschaft.
Darüber darf nicht vergessen werden, dass
an seinem Anfang Zwangsarbeit stand.

Auf das Speicherkraftwerk Kaprun sind wir Österreicher sehr stolz. Mit Recht.

Es liegt, eingebettet in einer herrlichen Bergwelt und liefert uns seit Jahrzehnten kostbaren Strom. Weniger wissen wir über seine Errichtung. Eine Gedenkveranstaltung, am 4. September d.J., hat uns daran erinnert. Anlässlich einer Gedenkfeier zur Erinnerung an die beim Bau ums Leben gekommenen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen wurde berichtet, unter welch schwierigen Umständen diese Männer während der Errichtung des Kraftwerkes zwischen 1938 und 1945 arbeiten mussten. Die Männer von Kaprun waren Zwangsarbeiter aus mehreren Ländern und Kriegsgefangene.

Der "Verbund" als nunmehriger Betreiber des Kraftwerkes setzte, wie schon erwähnt anfangs September in Kaprun mit der Enthüllung einer Gedenktafel ein sichtbares Zeichen, nicht nur für die während des Baues tödlich verunglückten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen des "Tauernkraftwerkes", sondern auch dafür, dass man sich der tragischen historischen Umstände während der Zeit des Nationalsozialismus bewusst ist.

In den Jahren zwischen 1939 und 1945 arbeiteten mehr als 6.300 zivile Zwangsarbeiter und bis zu 4.000 Kriegsgefangene auf dieser Großbaustelle. Nur drei Prozent der Beschäftigten in den erwähnten Jahren waren Österreicher und Deutsche als Vorarbeiter und Ingenieure.

Der Bau des Kraftwerkes in Kaprun geht somit in wesentlichen Teilen, wie andere Wasserkraftwerke in Österreich auch, auf die Nazi-Kriegswirtschaft und auf den Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen zurück. In den Kriegsjahren wurde das Baumaterial immer knapper, der Bau des "Tauernkraftwerks" ging trotzdem langsam voran. Ab 1943 konnte aber nur mehr ein "Not-Programm" durchgezogen werden. Der erste Maschinensatz im Krafthaus Kaprun wurde am 17. November 1944 in Betrieb genommen. Beim Bau des Kraftwerkes kamen 56 Männer ums Leben.

Die Historiker Oliver Rathkolb und Florian Freund haben mit Unterstützung des Verbundes dieses Kapitel der österreichischen Energiegeschichte in einer Studie umfassend aufgearbeitet. Die Arbeit wurde in Buchform (erschienen im Böhlau Verlag) bereits im Jänner dieses Jahres vorgestellt und liefert einen wesentlichen Beitrag um das verzerrte Geschichtsbild zurechtzurücken.

Auslöser für das Forschungsprojekt NS-Zwangsarbeit in der Elektrizitätswirtschaft der "Ostmark" 1938 - 1945 war die Diskussion über die in diesem Zusammenhang bisher nicht kompensierten materiellen Vermögensverluste, sowie die Sammelklagen in den USA gegen eine Reihe von schweizerischen, deutschen und österreichischen Unternehmen. Der Verbund war in der Folge von Anfang an bereit, einen Beitrag zum Versöhnungsfonds zu leisten. Er wollte aber nicht nur eine finanzielle Pflicht erfüllen, sondern auch zu einer historischen Aufklärung über die Situation und den Umfang der Zwangsarbeit beim Bau der heute im Eigentum des Verbundes stehenden Kraftwerke (Kaprun, Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug und die Kraftwerke an der Drau und Enns) beitragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Schicksal der ehemaligern Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in Vergessenheit - im "Mythos Kaprun" war für diese Vorgeschichte kein Platz. Das Tauernkraftwerk wurde zum Symbol des österreichisch-patriotischen Wiederaufbaus.

Die neue Gedenktafel, sagte Verbundvorstand DI Hans Haider beim Festakt, sei ein "sichtbares Zeichen, dass wir uns als Unternehmen der traurigen Umstände der ersten Phase des Kraftwerkes Kaprun bewusst sind".

Hubert Pfoch mit einer hohen Auszeichnung der Republik geehrt

Hubert Pfoch Einem Ersuchen des Vorstandes des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes die 20jährige Präsidentschaft von Hubert Pfoch in diesem Institut durch die Verleihung eines Bundesehrenzeichens zu würdigen, hat der Bundespräsident entsprochen. Hubert Pfoch wurde das Große goldene Ehrenzeichen mit dem Stern zuerkannt. Die Überreichung dieser hohen Auszeichnung erfolgte im Beisein der Familie Hubert Pfochs, sowie zahlreicher Freunde und Mitkämpfer, durch den Bundesminister für Inneres, Dr. Ernst Strasser, und dem neu gewählten Präsidenten des DÖW, Bundesminister a.D. Rudolf Edlinger.

Der wissenschaftliche Leiter des DÖW, Univ. Prof. Dr. Wolfgang Neugebauer, würdigte Pfochs Wirken im Widerstand und seine spätere Tätigkeit als Amtsführender Stadtrat und Vizebürgermeister in Wien und seinen Anteil am Wiederaufbau und der Neugestaltung der Bundeshauptstadt.

Die Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer gratulierten Hubert Pfoch zu dieser Ehrung.

Wichtige Hinweise zur Antragstellung beim Versöhnungsfonds für Verfolgte unter dem NS-Regime (1938 - 1945)

Für alle im Versöhnungsfondsgesetz berücksichtigten Personen, die auf dem Gebiet des heutigen Österreich während des NS-Regimes (1938 - 1945) Zwangsarbeit leisten mussten,
endet die Antragsfrist am 31. Dezember 2003!!

Bitte unbedingt beachten:

  • Politisch Verfolgte, die in Gefängnissen, Lagern, sog. "Besserungsanstalten" etc. inhaftiert waren, zu Arbeiten, auch Innendienstarbeiten, angehalten wurden, und länger in einem Gefängnis auf dem Gebiet des heutigen Österreichs inhaftiert waren als in einem KZ, sollten unbedingt beim "Österreichischen Versöhnungsfonds" (ÖVF) einen Entschädigungsantrag stellen. Der ÖVF wird die Voraussetzungen für eine Entschädigungszahlung prüfen.
  • Antragsteller, deren Antrag von der IOM (Internationale Organisation für Migration) abgelehnt wurde, sollten - wenn sie auf dem Gebiet des heutigen Österreich inhaftiert waren, zu Arbeiten angehalten wurden, etc. - unbedingt beim ÖVF abklären, ob für sie die Voraussetzungen für eine Entschädigungszahlung durch den ÖVF gegeben sind.
  • Kinder und Ehepartner, bei denen ein Elternteil/Ehemann/'Ehefrau aus politischen Gründen verfolgt wurde, und die zur Arbeit angehalten wurden (Dienstverpflichtung, Kinderarbeit), können einen Antrag beim ÖVF stellen.

Kontakt:
Österreichischer Versöhnungsfonds, Postfach 44, A-1011 Wien
Tel.: (+43-1) 5136016-0
Fax: (+43-1) 5136016-15
E-Mail: info@versoehnungsfonds.at
Web: http://www.versoehnungsfonds.at/

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