DER SOZIALDEMOKRATISCHE KÄMPFER - NUMMER 7 - 8 - 9 / 2001
Sonderseiten zum 100. Geburtstag von Rosa Jochmann

Unsere Rosa wäre 100!

Kranzniederlegung am Ehrengrab von Rosa Jochmann Alfred Ströer beim
Ehrengrab von Rosa Jochmann

Am 19. Juli wäre Rosa Jochmann 100 Jahre alt geworden. Das ist für den Bund der sozialdemokratischen Freiheitskämpfer, Opfer des Faschismus und aktiver Antifaschisten und darüber hinaus für die gesamte Sozialdemokratische Partei ein selbstverständlicher Anlass, des Wirkens und auch des Leidens der unvergessenen, unermüdlichen Kämpferin gegen jede Form des Faschismus und der Diktatur zu gedenken. Der 11. Bezirk machte damit den Anfang am 27. Juni mit der Ausstellung "Die Simmeringer Rosa", am 31. Mai folgte eine Ausstellung im Parlament, und am 19. Juli wurde Rosa Jochmanns am Ehrengrab mit einer Kranzniederlegung gedacht, weitere Veranstaltungen, z.B. ein Symposium des Renner-Institutes am 16. und 17. Oktober, folgen im Herbst.

"Heute fehlen uns ihre Worte ..."

Bruno Kreisky und Rosa Jochmann Mit Bruno Kreisky in
jahrzehntelanger Freundschaft verbunden

Im überfüllten Festsaal der Bezirksvorstehung Wien-Simmering und in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste wurde am 31. Mai die Ausstellung "Die Simmeringer Rosa - ein Leben in Freiheit und Menschenwürde" eröffnet.
Anlass für diese Ausstellung ist der 100. Geburtstag von Rosa Jochmann: Die Ausstellung war zunächst bis 24. Juni geöffnet und kann wieder vom 16. September bis 14. Oktober 2001 (freitags 10-12 und 15-18 Uhr, sonntags 10-12 Uhr) besichtigt werden.
"Rosa Jochmann, die am 19. Juli 100 Jahre alt geworden wäre, war nicht nur eine großartige Frau, Ehrenbürgerin der Stadt Wien und große Bürgerin unseres Bezirks", sagte Bezirksvorsteher Otmar Brix in seiner Eröffnungsansprache.
"Sie war eine Frau, für die die Worte Ferdinand Lassalles Gültigkeit haben: Politik ist, was man ausspricht. Und Rosa Jochmann hat immer ausgesprochen, was auszusprechen war. Rosa Jochmann ist für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie eingetreten und hat dafür schwer büßen müssen. Heute fehlen ihre Worte, ihre mahnende Stimme und auch ihre positive Einstellung."
Brix erinnerte daran, dass alles einmal mit Worten angefangen habe, nicht mit KZ und Mord, sondern mit Gehässigkeiten und Vernaderungen.
"Heute gibt es wieder diese Worte, diese Wortspielerei und Verharmlosungen, aber vom Gedenken keine Spur - auch nicht bei uns in Simmering, wo es nicht möglich ist, an einem Haus, das an jener Stelle steht, wo die Synagoge stand, die in der Reichskristallnacht vernichtet wurde, eine Gedenktafel anzubringen, weil es der Hausbesitzer verbietet."
"Rosa Jochmann war nicht nur eine Mahnerin, sondern auch eine Kämpferin gegen alles, was Unrecht bedeutet und die Menschenwürde verletzt.
In ihrem Sinne sollten wir auch heute dafür eintreten, denn es hat sich schneller etwas zum Schlechteren verändert, als wir es wahrhaben wollen" sagte Brix.

Rosas Abrechnung mit dem VdU-Stüber

Rosa Jochmann und Josef Hindels Gemeinsames Ziel:
Rosa Jochmann, Josef Hindels

Im Jahr 1949 durften die "minderbelasteten" ehemaligen Nationalsozialisten, rund 482.000 Personen, an der Parlamentswahl - der zweiten in der wiedererstandenen Republik - wieder teilnehmen. Zugleich trat als vierte Partei der VdU (Verband der Unabhängigen) zur Wahl an und gewann auf Kosten der beiden großen Parteien 16 Mandate. Seine Gründer und Mandatare bestanden teils aus echten Liberalen, teils aber auch aus "Ewig-Gestrigen". Einer von letzteren war der Wiener Abgeordnete Dr. Fritz Stüber. Als er sich in einem Zwischenruf darüber beklagte, dass ja auch er drei Monate im Polizeiarrest gesessen war, meldet sich Rosa Jochmann zu Wort:
"... Ich möchte mich hier dazu bekennen, dass ich mich der Meinung jener angeschlossen habe, die besagten, dass man ein Land nicht demokratisch verwalten kann, wenn man einen Teil dieses Volkes aus der Demokratie ausschließt. Ich bekenne mich zu diesem Grundsatz und ich bekenne weiter, dass wir gerade in den Jahren der Unterdrückung von 1934 bis 1945 gelernt haben, die Demokratie zu achten und zu schätzen. Aber gestatten Sie mir nun, wenn einer der Herren der Unabhängigen hier erklärt hat, dass er sich nur mit Erschütterung an die drei Monate, die er in der Herrengasse verbringen musste, erinnere, dass ich Ihnen jetzt sage, was ein Konzentrationslager bedeutet hat. ... Ich müsste Stunde um Stunde reden, wollte ich nur einen kleinen Ausschnitt von dem Fürchterlichen darstellen, das wir dort erlebt haben und das niemals aus unseren Erinnerungen schwinden kann ....
Ich müsste sprechen von jenen jüdischen Müttern, die einen "Rapportzettel" an den Lagerkommandanten geschrieben haben - für jeden, der die Dinge nicht kennt, hat dies keine große Bedeutung, für uns KZler aber war dies ein furchtbares Dokument - und in diesem stand: 'Ich bitte Sie, Herr Kommandant, lassen Sie mich schon nächste Woche mit dem Transport mitgehen, denn bei diesem Transport geht meine Tochter mit.' Wenn hier von einem Transport gesprochen worden ist, dann hieß es, dass sich die Tochter in der nächsten Woche bei der Gaskammer anstellen musste, so wie sich die Leute heute um Semmeln, Milch und andere Dinge anstellen, und dass die Mutter als letzte Gnade der Menschlichkeit erbat, mit ihrer Tochter in der Gaskammer sterben zu dürfen.
Oder soll ich Ihnen die Prügelszenen in den Lagern vor Augen führen? Ich befleißige mich, sie zu vergessen, ebenso wie ehemalige Kameraden, die ja gleich mir die Prügelszenen mitgemacht haben, wo man die Menschen auf einen Bock gespannt hat und ihnen auf den bloßen Körper 25 Stockhiebe gab.
Oder soll ich die Klosterschwestern vor Ihnen wieder erstehen lassen, Frauen, die jahrzehntelang im Kloster gelebt hatten und von Hitler und einer politischen Partei gar nichts wussten? Sie hatten sich ausschließlich der Aufgabe gewidmet, Kindern, Kranken und anderen Menschen zu helfen ... Sie alle gingen in dem furchtbaren Chaos oder Konzentrationslager zugrunde ... Wir sind monatelang in den Bunkern gesessen, in tiefster Dunkelheit, und haben nur das Spärlichste zu essen und trinken bekommen, während sich die SS daran geweidet hat, durch die Gucklöcher zu schauen und zu sehen, wie einer nach dem anderen gestorben ist ...
Wir waren verfolgt wegen unserer politischen Gesinnung, ein großer Teil von uns hatte gar nichts getan - und ich gehöre zu ihnen - gar nichts, als dass sie vorher Sozialisten gewesen waren. Das hat genügt, als Hitler einmarschierte, dass wir alle zusammen in die Konzentrationslager gewandert sind. Vergessen Sie nicht, dass, zum Mindesten ein großer Teil von Ihnen, die im Jahre 1945 eingesperrt wurden, keine Unschuldigen waren! ... Herr Abgeordneter Stüber, wenn Sie glaubten, hier einen Zwischenruf machen zu müssen, dass wir nach dieser Richtung hin eine gewisse Kameradschaft hier haben: Nein! Ich bekenne mich zur Kameradschaft der Verfolgten ohne Ansehung der politischen Gesinnung, auch mit jenen aus den Reihen der Österreichischen Volkspartei und aus den Reihen der Kommunistischen Partei, die ja mit uns zusammen in Lagern, in den Kerkern, in den Gefängnissen gesessen sind, aber keine Kameradschaft mit Ihnen" Da ist ein himmelhoher Unterschied, und es ist unmöglich, hier überhaupt eine Parallele ziehen zu können ..."

Aus Widerstand und Verfolgung

Rosa Jochmann Rosa Jochmann 1945
nach der Rückkehr aus Ravensbrück

Am 28. August 1934 wurde Rosa Jochmann zusammen mit Johann Czidik, der einen Zeitungskiosk am Bahnhofsplatz in Wiener Neustadt betrieb, verhaftet. Sie hatte ihm zwei Taschen mit illegalen hektographierten Flugschriften gebracht. In der Verhandlung vor dem Wiener Landesgericht gab sie zu, dass sie gewusst habe, es handle sich bei dem ihr in einem Park übergebenen Material um Propagandaschriften für ihre Partei und dass dies verboten sei; über die Überbringer gab sie keine Auskunft. Besonders erschwerend wertete der Gerichtsvorsitzende Osio die Antwort Rosa Jochmanns auf die Frage, warum sie dies tue:
"Mich persönlich hat das Verbot der Partei schwer getroffen, doch hat es an meiner Gesinnung nichts zu ändern vermocht. Ich bleibe Sozialistin. Wenn jeder in seinem Leben einmal eine solche Not mitgemacht hätte wie ich, wäre jedermann Sozialist. Ich sah, dass meine Handlung strafbar ist, konnte sie aber nicht ablehnen."
Der Gerichtshof verurteilte Rosa Jochmann zu einem Jahr schweren Kerker.

***

Am 22. August 1939 wurde Rosa Jochmann von der Gestapo verhaftet. An diesem Tag kam es zu einer größeren Verhaftungsaktion gegen bekannte ehemalige Sozialdemokraten. Ihr Schutzhaftbefehl wurde allerdings erst am 14. Dezember 1939 ausgestellt. Darin hieß es als Haftgrund:
"Sie gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates, indem sie dringend verdächtig ist, sich auch heute noch im marxistischen Sinne zu betätigen und bei Freilassung zu der Befürchtung Anlass gibt, ihr staatsfeindliches Treiben fortzusetzen."
"Das Erschießen war ja im Lager nichts Besonderes. Und dieses Erschießen hat vor allem die polnischen Frauen, die polnische Intelligenz, die jungen Mädchen betroffen. Da bekam man auf dem Block einen Zettel, die Nummer Soundso geht morgen nicht arbeiten. Und dann wussten alle, dass die am nächsten Tag erschossen wurde ... Die sind Hand in Hand gegangen, mit strahlenden Gesichtern. Die haben uns noch lächelnd in die Augen gegrüßt. Hinter ihnen die Särge. Jede wusste, dass einer von diesen Särgen für sie bestimmt ist ... Dann hörten wir nach zehn Minuten eine Salve, dann die Gnadenschüsse und dann wussten wir, dass diese Menschen, mit denen wir - zwei Jahre, oder ich weiß nicht wie lange - zusammengewesen sind, dass man sie jetzt umgebracht hat ..."

***

Im Herbst 1941 begann die Aussortierung der Jüdinnen im KZ Ravensbrück. Anfang 1942 traf auch die Sozialdemokratin Käthe Leichter dieses Los.
"Dann kam der Morgen, und da ich Blockälteste war, durfte ich auf die Lagerstraße. Helene Potetz ging auch mit. Wir gingen Hand in Hand, eine stumme Masse, so wie wir schon zweimal vorher gegangen waren. Niemals werde ich erfahren, ob sie (Käthe Leichter. Red.) wusste, dass es dem Ende zuging, sie war so gescheit, dass ich eher glaubte, dass sie zu uns barmherzig war und uns Mut zusprach, und dass ihr klar gewesen sein musste, dass sie nicht heimkommen sollte ... Vierzehn Tage danach kamen alle Häftlingskleider zurück, alles was wir Käthe und den anderen mitgegeben hatten, warme Socken, ein warmer Schal, Stöcke, Brillen, Gebisse, eben alles. Und unter der Nummer der Österreicherin Buckowitz fanden wir einen Zettel: 'Alles gut bisher, überall gut behandelt, fahren durch Dessau ...' Dann brach der Text ab. Und schreckensbleich kamen die Häftlinge aus der 'Fürsorgeabteilung', denn sie hatten 1.500 Briefe an die Angehörigen abschicken müssen. Der ganze Transport war an 'Kreislaufschwäche' und dergleichen gestorben ..."

***

Rosa Jochmann war bei ihrer Einlieferung zur "Blockältesten" des politischen Blocks bestimmt worden:
"Eine Meldung, sodass jemand bestraft wird, hab ich Gott sei Dank nie machen müssen. Ich hab immer nur geschimpft vor der Aufseherin ... Und die haben alle gewusst, dass ich ein Theater spiel.
Scharf hab ich das gesagt. Und die Oberaufseherin war begeistert von mir. Die Frauen auf unserem Block haben genau gewusst, was sie tun dürfen und was nicht."

Im Jahr 1941 wurde der Besuch von "Reichsführer-SS" Heinrich Himmler im KZ Ravensbrück angekündigt. Als Blockälteste sollte Rosa Jochmann auf Anordnung der SS-Oberaufseherin Langefeld vor der Baracke Himmler Meldung erstatten. Langefeld erklärte weiters, dass Himmler sie danach ansprechen würde, und sie sollte um ihre Entlassung bitten. Eines Tages war es so weit. Nach dem Rapport wandte sich der Reichsführer-SS an Rosa Jochmann und befragte sie, wie lange sie schon im Lager sei, aus welchen Gründen und was ihre Aufgaben im Lager seien. Sie antwortete kurz und bündig, dann entstand eine lange Pause. Die SS-Oberaufseherin sah Rosa Jochmann beschwörend an, diese schwieg jedoch. Himmler salutierte und ging in die Baracke, wo ihm sechs Häftlinge vorgestellt wurden, die entlassen werden sollten. Als Himmler herauskam, zögerte er einen Moment, dann trat er nochmals an Rosa Jochmann heran und sprach sie erneut an:
"Sind sie verheiratet? - Nein. - Haben sie Kinder? - Nein keine Kinder. - Alles mögliche hat er gefragt und sich umgedreht zur Langefeld, wann ich endlich um meine Entlassung bitt. Aber ich hab nichts gesagt. ... Ich hätte ihn nicht gebeten, ich hätt mich - ehrlich gestanden - lieber erschießen lassen."

(Aus Andrea Steffek: Rosa Jochmann - "Nie zusehen, wenn Unrecht geschieht.")

Rosa Jochmanns Weg

19. Juli 1901 als viertes von 6 Kindern des Ehepaars Jochmann in Wien geboren
1915 Arbeiterin in der Schokoladenfabrik Victor Schmidt & Söhne, Mutter Josefine Jochmann, 41, stirbt
1916 Simmeringer Draht und Kabelwerke
1917-1919 1. Österr. Seifensiede-Ges.m.b.H. "Apollo" Eintritt in die Freie Gewerkschaft
1919-1925 Betriebsratsobfrau bei der Firma Auer
1920 Vater Karl Jochmann, 45, von Beruf Eisengießer, stirbt
1925-1931 Sekretärin des Verbandes der chemischen Arbeiter
1926 Arbeiterhochschule
1932 Reichssekretärin des Frauenzentralkomitees der SDAP
1933 Mitglied des Parteivorstandes der SDAP
1934 Gründungsmitglied der Revolutionären Sozialisten
1934-1938 Mehrmalige Polizeistrafen, 1 Jahr Kerker
1939-1940 Polizeihaft in Wien
1940-1945 Konzentrationslager Ravensbrück
1945-1959 SP-Frauensekretärin
1945-1967 Abgeordnete zum Nationalrat
1947 Gründungsmitglied des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer
1949 Erste Vorsitzende der Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus
1951-1966 Zweite Bezirksobfrau der SPÖ Simmering
1959-1967 Vorsitzende des Frauenzentralkomitees, Stellvertretende Parteivorsitzende
1963 Vizepräsidentin des DÖW seit dessen Gründung
1967-1994 Vorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück
1992 Ehrenvorsitzende der Freiheitskämpfer
18.Jänner 1994 in Wien gestorben

Die Simmeringer Rosa

Rosa Jochmann am 1. Mai Der 1.Mai war
ihr schönster Festtag

Konzept und Gestaltung der Ausstellung "Die Simmeringer Rosa" stammen von Professor Herbert Exenberger, Mitarbeiter des DÖW. Er sagte bei der Eröffnung der Ausstellung einleitend unter anderem:
Aufgewachsen in einem Zinshaus in der Lorystraße 76, dem Blizenec-Haus, sah man aus den beiden Fenstern unserer Zimmer-Küche-Wohnung genau zum Eingang des Hauses Römersthalgasse 1. Wir erlebten dort unsere Jugend und wir konnten dort etwa aus dem 1. Stock die feierliche Gedenktafelenthüllung für den Simmeringer Heimatforscher Leopold Swatosch verfolgen, der in diesem Hause lebte. Damals wusste ich noch nicht, dass bis zum Jahre 1915 in diesem Zinshaus Rosa Jochmann mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern gelebt hat. Mit ihr verband mich, angefangen von meinen ersten zaghaften Erkundigungen über ihre Widerstandstätigkeit gegen den Faschismus, bis zu ihrem Tode am 19. Jänner 1994 eine wahre Freundschaft.
Ausdruck dieser Freundschaft ist für mich ein Ring, den sie mir schon zu Lebzeiten versprochen hat und den ich auf ihren ausdrücklichen Wunsch nach ihrem Tode erhalten habe. Er ist in dieser Sonderausstellung zu sehen. Dieser Ring hat eine eigene Geschichte. Eine polnische Leidensgefährtin im KZ Ravensbrück schnitzte aus einem Zahnbürstelgriff einen kleinen weißen Elefanten. Nach ihrer Befreiung im Jahr 1945 fertigte ein Goldschmied nach Rosas Impressionen eine Art Siegelring an, in dessen Mittelpunkt sich die Schnitzarbeit der Polin befindet.
"Und dann und wann ein weißer Elefant", heißt es mehrmals im Gedicht "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke, über dessen Stellenwert Ulrich Weinzierl schrieb. "Im Reigen der fünffüßigen Jamben drehen wir uns gleichsam mit dem Beschriebenen im Kreis ... Niemand vermag sich der Bewegung zu entziehen." Im Konzentrationslager Ravensbrück wurde "der kleine weiße Elefant" hin und wieder bei illegalen Erbauungsstunden von Mary Schwarz vorgetragen, von Rosa Jochmann als Blockälteste des politischen Blocks für ihre Mitgefangen organisiert "zum Lichtblick in unserem düstern Leben, zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft", wie es treffend bereits im Dezember 1945 die Wiener Leidensgefährtin und Revolutionäre Sozialistin Helene Potetz formulierte.
Es ist nicht verwunderlich, dass gerade in unserem Bezirk der erste Akt der Erinnerung zum 100. Geburtstag dieser bedeutenden Frau gesetzt wird. Denn Rosa Jochmann war vollintegriert in das gesellschaftliche Leben Simmerings, Freud und Leid, Hoffnung und Verzweiflung teilte sie mit vielen Bewohnerinnen und Bewohnern des Bezirks. So berichtete sie am 29. November 1935 nach der Entlassung aus der Haft, wo sie wegen Betätigung für die Revolutionären Sozialisten zu einem Jahr schweren Kerker verurteilt worden war, Franz Rauscher unter anderem: "Mit dem 6er-Wagen für ich mit Peperle (ihrer Schwester) nach Hause. Beim Markt stiegen wir aus, und als die Straßenbahn wegfuhr, war ich umringt von Freunden, von vielen, vielen.
Ich konnte alle Blumen nicht tragen, die ich bekommen habe. Verschämt kamen sie am selben Tage und auch am nächsten und noch immer kommen sie und bringen mir Äpfel, eine Dose Sardinen, eine Rippe Schokolade, eine kleine, ganz kleine Torte..." Es waren bewegende Zeichen der Solidarität in den Zeiten der fürchterlichen Arbeitslosigkeit. Rosa wurde stürmisch von ihren Freunden begrüßt und übernahm zunächst die Fürsorge für die politischen Häftlinge.
Ihre Anteilnahme für bedrängte oder in Not geratene Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben. Die Sonderausstellung "Die Simmeringer Rosa" ist chronologisch in vier Abschnitte - 1901-1934, 1934-1938, 1938-1945 und 1945-1994 gegliedert. Sie dokumentiert mit Fotos, Dokumenten, Plakaten und anderen Ausstellungsobjekten das bewegte Leben und gesellschaftliche Engagement Rosa Jochmanns. Ergänzt wird das durch ihre persönlichen Aussagen. Weitere Abschnitte der Ausstellung zeigen ihre Verbundenheit mit Simmering sowie das Gedenken an diese große Sozialdemokratin.
Den Schluss der Ausstellung bildet ein Plakat mit Rosas Vermächtnis an die Jugend: "Es ist eure Welt, die ihr baut - soll sie eine friedliche, eine gerechte sein, dann müsst ihr dafür etwas tun. Vergesset nicht, was aus einer Welt wird, wenn man die Demokratie durch eine Diktatur ersetzt."

Über diese Homepage beziehbare Literatur über Rosa Jochmann

Reiter, Franz Richard (Hg.): Wer war Rosa Jochmann?
Die erste, authentische Antwort gibt Rosa Jochmann mit einer Rede und in einem Interview, das Franz Richard Reiter mit ihr geführt hat.
Rund vierzig Autoren legen Zeugnis ab, berichten und analysieren, u.a..: Antonia Bruha, Herbert Exenberger, Walter Göhring, Erwin Lanc, Henry O. Leichter, Irmgard Schmidleithner, Alfred Ströer und Franz Vranitzky.

ca. 250 Seiten, broschiert, ATS 298,-- / EUR 21,66
In der Buchhandlung Löwelstraße bestellen

Steffek, Andrea: Rosa Jochmann - "Nie zusehen, wenn Unrecht geschieht."
Ihr Leben und Wirken von 1901-1945 als Grundlage für ihre stetige Mahnung gegen Faschismus, Nationalsozialismus und das Vergessen.

Wien 1999. 166 Seiten, broschiert, ATS 127,-- / EUR 9,23
In der Buchhandlung Löwelstraße bestellen

Rosa Jochmann 1901-1994. Demokratin, Sozialistin, Antifaschistin.
Dokumentation des VGA mit Erstveröffentlichung von Briefen und Fotos aus ihrem Nachlass.

Wien 2001, ATS 50,-- / EUR 3,63
In der Buchhandlung Löwelstraße bestellen

Waschek, Hans (Hg.): Rosa Jochmann. Ein Kampf, der nie zu Ende geht. Reden und Aufsätze.
Es sind Rosa Jochmanns eigene Worte, die diesem Buch seinen Titel gegeben haben. Der Kampf gegen Faschismus, Antisemitismus und Ausländerhass ist ein Kampf, der nie zu Ende geht.

Wien 1994. 304 Seiten, broschiert, ATS 298,-- / EUR 21,66
In der Buchhandlung Löwelstraße bestellen

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