| DER SOZIALDEMOKRATISCHE KÄMPFER - NUMMER 10-11-12 / 2003
|
|
| Wiedereinführung des Standrechts in Österreich | |
11. November - viele Assoziationen gibt es zu diesem Tag. Am 11. 11. um 11.11 Uhr ist Faschingsbeginn. Die Katholiken feiern an diesem Tag das Fest des hl. Martin. Jedoch für viele Österreicher und für die österreichische Sozialdemokratie ist es ein Tag der Bestürztheit, der Tag der Wiedereinführung der Todesstrafe in Österreich im Jahre 1933. In den Protokollen des Ministerrates der Ersten Republik vom 10. November 1933 findet sich der Bericht über die an diesem Tag unter dem Vorsitz des christlichsozialen Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß stattgefundene Ministerratssitzung. In der Reinschrift des zweifachen Stenogramms sind u.a. unter dem Tagesordnungspunkt 2: "Aufbietung des freiwilligen Schutzkorps" und unter Punkt 10. "Einführung der Todesstrafe" angeführt. Beide Anträge werden in der Ministerratssitzung mit Wirkung 11. November 1933 beschlossen. Bei aller Tragik eine Bankrotterklärung des auf Basis des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes aus dem Jahre 1917 agierenden christlichsozialen Bundeskanzlers Dr. Dollfuß und seiner Verbündeten. Seit dem Frühjahr 1933 hatten Dollfuß und seine Gefolgsleute die demokratischen Grundrechte der vor allem von den Sozialdemokraten geschaffenen Republik entfernt: Auf Grund eines Geschäftsordungsdebakels nützte nämlich die Dollfußregierung die Chance, das Parlament auszuschalten. Die Bundesführung des Österreichischen Heimatschutzes verbreitete damals ein Flugblatt unter dem Titel: "Das Parlament ist tot! Alle krampfhaften und würdelosen Versuche der Roten und ihrer Verbündeten werden es nicht mehr zu neuem Leben erwecken". Der Heimatschutz stellte die Forderung, den sozialdemokratischen Wiener Bürgermeister Karl Seitz seines Amtes zu entheben und einen Staatskommissär für Wien einzusetzen. Die Pressezensur war eingeführt, der Republikanische Schutzbund war aufgelöst, das Streikrecht war aufgehoben und der Verfassungsgerichtshof war ausgeschaltet, der 1. Mai war den Arbeitern genommen. Der Gebrauch der rote Fahne sowie von roten Flaggen, Standarten und Wimpeln war seit 19. Mai 1933 durch eine eigene Fahnenverordnung ausnahmslos verboten. Die katastrophale Wirtschaftslage führte zu Not und Elend, zu Massenentlassungen und tausenden Selbstmorden unter der verzweifelten Arbeiterschaft. Die christlichsoziale Führung unter Engelbert Dollfuß hatte die Bevölkerung in dieses ausweglose Debakel geführt. Am 3. Oktober 1933 versuchte der offiziell dem christlichsozialen Wehrbund angehörende, aber von den Ideen der NSDAP begeisterte, 22jährige Rudolf Dertil, auf Dollfuß ein Attentat zu verüben, bei dem Dollfuß am Oberarm verletzt wurde. Für 12. November 1933, dem 15. Geburtstag der Republik, war unter dem Motto "Für die Freiheit und Unabhängigkeit der Republik" von den Sozialdemokraten ein Aufmarsch auf der Ringstraße angemeldet. Versammlungen in geschlossenen Sälen sollten stattfinden und mit einer Festversammlung im Konzerthaus sollte des 15. Todestages Victor Adlers gedacht werden. Für 13. November war ein Fackelzug zu Ehren von Karl Seitz geplant. Zu dieser Zeit war die dritte Strophe aus dem "Lied der Republik": "Herzen flammen, Augen blitzen: Freiheit ist die Republik. Unsre Treue soll sie schützen, unser Weg ist ihr Geschick" zum Leitgedanken der Sozialdemokratie, der darbenden Menschen geworden. Die Regierung Dollfuß nahm den Attentatsversuch vom 3. Oktober zum Anlass durch Verhängung des Standrechts die Ereignisse des 12. November und die Feiern zum Amtsjubiläum des Wiener Bürgermeisters unter Kontrolle zu halten. Findige Juristen hatten herausgefunden, dass über das Standrecht die mit der Bundesverfassung 1920 abgeschaffte Todesstrafe wieder eingeführt werden könne. Und die Verhängung des Standrechts lag, "wenn Gewalttätigkeiten" - nach Einschätzung von Kanzler Dollfuß (in seiner Funktion als Innenminister) und Justizminister Schuschnigg - "in besonders Gefahr drohender Weise um sich greifen", im Ermessen der beiden Regierungsmitglieder. Die Standrechtsverfahren wurden von einem fünfköpfigen Senat, vier Richtern und einem Staatsanwalt, der seinen Sitz beim Oberlandesgericht Wien hatte und jeweils zum zuständigen Landesgericht anreiste, abgehalten. Die Verfahren dauerten längstens drei Tage . Bei einstimmiger Bejahung des Urteils endeten sie mit dem Todesurteil, gegen das kein Rechtsmittel zulässig war und das innerhalb von drei Stunden vollstreckt werden musste. Die Begnadigung durch den Bundespräsidenten war vorgesehen. Die zwei ersten Fälle, in denen es um die Todesstrafe ging, erwiesen sich als empörende Klassenjustiz. Der erste Prozess nach dem neuen Verfahren wurde dem Sohn eines reichen Bauern, Karl Breitwieser, gemacht. Er hatte, mit der Tochter eines Großbauern verlobt, seine von ihm geschwängerte Magd ermordet. Das Standgericht war für die Todesstrafe - jedoch auf Antrag von Kurt Schuschnigg wurde das Urteil in "lebenslänglich" umgewandelt. Das zweite Verfahren befasste sich mit Peter Strauß, einem geistig und körperlich behinderten Taglöhner. Ihm wurde vorgeworfen, einen Heustadel angezündet und einen Sachschaden in der Höhe von 2500 Schilling verursacht zu haben, weil er vom Besitzer des Hofes verjagt worden war. Von der Gendarmerie wurde nie ein anderer Täter in Betracht gezogen, obwohl Indizien für einen versuchten Versicherungsbetrug des Eigentümers vorhanden waren. Das Gericht, an der Wahrheitsfindung nicht wirklich interessiert, verhängte, obwohl niemand verletzt wurde, das Todesurteil. Peter Strauß wurde am 11. Jänner 1934 im Hof des Grazer Landesgerichtes gehenkt. Die Regierung Dollfuß hatte ein Exempel statuiert. Ihm sollte wenige Monate später der standrechtliche Mord an den politischen Gegnern folgen.
Edith Krisch
|
|
| Vranitzky: Das Erinnern hält wachsam! | |
Bei der NÖ-Landesversammlung (von links nach rechts): NR Anton Heinzl, SPÖ-Bezirksvorsitzender St. Pölten, NR a.D. Alfred Ströer, LA a.D. Karl Gruber, Bundeskanzler a.D. Dr. Franz Vranitzky, Walter Faderny
Bei der Landesversammlung der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer NÖ hielt Bundeskanzler a. D. Franz Vranitzky ein Grundsatzreferat, in dem er sich unter anderem ausführlich mit der Rolle unseres Bundes befasste. "Die Freiheitskämpfer haben in unserer Partei einen festen Stellenwert", sagte Vranitzky. "Sie sind gut organisiert und immer zur Stelle, wenn es Ewiggestriges zu bekämpfen und zu widerlegen gilt und wenn ein wichtiges Erbe sozialdemokratischen Einsatzes und sozialdemokratischer Opferbereitschaft zu bewahren ist." In der Folge ging der Redner auf Kritiker dieser politischen Position ein. Wer sich grundsätzlich über Vergangenes keine Gedanken mache, sei nicht ernst zu nehmen, die Verteidiger und Leugner der NS-Verbrechen sind klar widerlegbar, und denen, die sie mit den Verbrechen des Kommunismus aufrechnen, müsse gesagt werden: "Folgt man den Aufrechnern und sagt, die einen haben eine Million Menschen umgebracht, man soll Ihnen das aber nicht vorwerfen, weil die anderen haben auch eine Million Menschen umgebracht, dann sind am Ende zwei Millionen Menschen tot, aber niemand war schuld." Und wenn der Philosoph Rudolf Burger dem Vergessen das Wort redet, weil die Geschichte rechtfertige, "was immer man will", so ist dem entgegenzuhalten: "Es ist ein Akt der Verantwortung, sich aus einem bestimmten Kapitel der Geschichte eines Landes nicht sang- und klanglos davonzustehlen, insbesondere, wenn dieses Kapitel ein trübes ist. Den wenigen Überlebenden und ihren Angehörigen soll die Botschaft klar vermittelt werden, dass sie einem nicht gleichgültig geworden sind, nur weil bereits viel Zeit vergangen ist. Und überdies ist es unverzichtbar, der jüngeren Generation die geschichtlichen Fakten und ideellen Verirrungen nahe zu bringen, um sie für künftige Auswüchse wachsam zu machen, sie zu warnen und zur aktiven Abwehrbereitschaft zu gewinnen. 'Ein Hitler kommt nie wieder, werden die Beschwichtigungsapostel einwenden, 'es wird keine Konzentrationslager mehr geben, und den Juden wird auch nichts mehr geschehen' ('wenn sie sich ordentlich aufführen', diese Hinzufügung kann schon gelegentlich entschlüpfen). Auch ich behaupte nicht, dass es Gestapo und SS, BEM und Ariernachweis in dieser Form noch einmal geben wird. Dass Faschismus, dass Rassismus, dass Unfreiheit aber nicht in ganz anderen Kleidern als ehedem auftreten werden, kann niemand garantieren."
Vranitzky schloss sein Referat mit einer Erinnerung an die Worte des evangelischen Pfarrers und KZ-Häftlings Martin Niemöller: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war kein Sozialdemokrat. Als sie die Katholiken holten, habe ich nicht protestiert; ich war kein Katholik. Als sie mich holten, gab es keinen mehr der protestieren konnte."
|
|
| Keine Privilegien für die Habsburger! | |
|
Die Landesversammlung der NÖ Freiheitskämpfer beschloss am 29. November in St. Pölten eine Resolution gegen die von Vertretern der Familie Habsburg-Lothringen beantragte Rückgabe von Vermögenswerten aufgrund des Restitutionsgesetzes (das NS-Regime hatte eine von der austrofaschistischen Regierung erfolgte Rückgabe des Habsburgervermögens aufgehoben). In der Resolution heißt es unter anderem: Nach dem Ende des 1. Weltkrieges 1918 wurden jene Habsburger, die sich geweigert hatten, gegenüber der jungen demokratischen Republik die Loyalität zu erklären, des Landes verwiesen und enteignet. Beträchtlicher Grundbesitz, Schlösser, Wälder und Kunstschätze wurden als Volksvermögen erklärt. Während der christlich-austrofaschistischen Ära 1934-1938 wurde Habsburg-Lothringen mit Eigentum wieder ausgestattet.
Das österreichische Volk hat gerade nach dem 2. Weltkrieg - der eine Folge des 1. Weltkrieges war - nicht nur beim Wiederaufbau, sondern auch bei den Reparationsleistungen an die Sowjetunion enorme Leistungen und Entbehrungen auf sich genommen.
Das 1918 enteignete Habsburg-Lothringen Vermögen muss weiterhin österreichisches Volksvermögen beleiben!
|
|
| Kranzniederlegungen am 31. Oktober | |
Erwin Steinhauer liest aus Abschiedsbriefen zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer
Am 31. Oktober legt jeweils die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs an den Gedenkstätten in der Krypta des äußeren Burgtores, beim Denkmal für die ermordeten Feuerwehrmänner Am Hof und beim Denkmal am Morzinplatz Kränze nieder. Im Gedenkraum in der Salztorgasse sprach diesmal der Vorsitzende des KZ-Verbandes, Oskar Wiesflecker. Besonders eindrucksvoll bei dieser Feier war die Mitwirkung Erwin Steinhauers der aus Abschiedsbriefen von zum Tode verurteilten Widerstandskämpfern las.
|
|
| Wiener Gedenkfeiern im November | |
Vranitzky: Einsatz des Widerstandes historisch bedeutsam
Beim traditionellen Gedenken der Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus, der Wiener SPÖ-Bildung und der sozialdemokratischen Organisationen Wiens auf dem Wiener Zentralfriedhof nahmen diesmal hunderte Mitglieder, darunter sehr viele Jugendliche der SJ, teil. Hauptredner beim Denkmal für die Opfer des Faschismus 1934 - 1945 war Altbundeskanzler und SPÖ-Vorsitzender a.D. Franz Vranitzky, der sich unter anderem mit der Bedeutung des Widerstandes gegen die Nazis und der Moskauer Deklaration befasste: Der Bundesvorsitzende der Freiheitskämpfer, Alfred Ströer, erinnert an die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, bei der hunderte Jüdinnen und Juden in ganz Deutschland ermordet wurden und tausenden verfolgten Bürgern das Eigentum gestohlen, bzw. zerstört, wurde. Am schändlichsten war das Niederbrennen von hunderten Synagogen, die in organisierten Brandanschlägen durch die NS-Organisationen vernichtet wurden. Eine Tat die erstmalig der Weltöffentlichkeit in aller Deutlichkeit zeigte, was Hitler und seine Bewegung an verbrecherischem Potential aufzubieten hatte.
Bei den Mahnmalen für die Februarkämpfer und für die Spanienkämpfer sprachen der Landesvorsitzende, Ernst Nedwed, und der Vorsitzende der "Österreichischen Freiwilligen in der Spanischen Republik", Hans Landauer, der vor kurzem seine wissenschaftliche Arbeit über die Österreicher, die für die spanische Republik gekämpft haben, im DÖW präsentiert hat. Die Kundgebung endete mit dem Singen der Internationale. In ganz Österreich fanden zur so genannten NS-Pogromnacht vom 9. zum 10. November einige Gedenkveranstaltungen statt, die zum Teil von den Kultusgemeinden, religiösen Gruppen und den Kirchen sowie der Organisationen der Opfer des Nazifaschismus abgehalten wurden. Die Wiener Freiheitskämpfer nahmen an einer Veranstaltung teil, die in einem Arbeiterbezirk, in Rudolfsheim-Fünfhaus, im Festsaal der Bezirksvorstehung stattfand. In diesem Bezirk wurde im Jahre 1938, in der Turnergasse 22, ein architektonisches Juwel, eine Synagoge, die 1878 im Renaissancestil errichtet worden war, von einem SS-Sturm in Brand gesetzt und völlig zerstört.
Bei der Gedenkveranstaltung erinnerte der Nationalratsabgeordnete a.D. Ernst Nedwed an diese schändliche Tat, die unvergessen bleibt. Die Nazis haben nach der Abtragung der Reste der Synagoge auf diesem Gelände eine private Garage errichtet, die erst in den Siebzigerjahren entfernt werden konnte. Auf diesem Platz wurde später ein Wohnhausbau errichtet. Eine Kupfertafel erinnert an dieses Verbrechen der Nationalsozialisten. Im Anschluss an das Gedenken präsentierte die Gruppe "Scholem Alejchem", unter der Leitung von Isaak Loberan, Lieder aus dem jüdischen Widerstand und aus der jüdischen Tradition. Das Konzert wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. An der Feier nahmen der Bezirksvorsteher des 15. Bezirkes, Ing. Rolf Huber, und eine Reihe von Mitgliedern der Bezirksvertretung teil. Die Teilnehmer dankten den Künstlern und Veranstaltern mit lang anhaltendem Applaus.
|
|
| Protest in Riegersburg | |
Lautstarker Protest gegen Ewiggestrige
Ein eindrucksvolles Signal des aktiven Widerstandes gegen Rechtsextremismus, Faschismus setzte die Junge Generation, gemeinsam mit dem Bund sozialdemokratischer Freiheitskämpfer Steiermark am ersten Novemberwochenende in Riegersburg. Die Protestaktion wandte sich gegen ein Treffen der rechtsextremen AFP ("Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik") in diesem oststeirischen Ort. Mehr als 250 großteils junge Aktivisten demonstrierten mit Transparenten, Sprechchören, Plakaten, Hupen und Trillerpfeifen ihre tiefe politische Abneigung gegen die ewiggestrige Gedankenwelt der rechtsextremen Teilnehmer an diesem Treffen.
Der stv. Landesvorsitzende der Freiheitskämpfer Steiermark und JG-Landesgeschäftsführer Thomas Heim betonte die Wichtigkeit ständiger Information der Jugend. JG-Landesvorsitzender Hannes Schwarz trat für eine Ausweitung des Verbotsgesetzes ein, wodurch verhindert werden soll, dass die rechten Kreise mit ihrem latent nazistischen und revisionistischen Gedankengut vor den verschärften Bestimmungen in Deutschland nach Österreich ausweichen können.
|
|
| Mahnmal in Klagenfurt-Annabichl | |
|
Seit seinem Entstehen im Jahre 2000 erarbeitet der Vorstand von Memorial Kärnten/Koroška Grundlagen zur regionalen Erinnerungskultur. Zum Nationalfeiertag wurden erste Ergebnisse der sogenannten Namensforschung, die von der Plattform seit drei Jahren durchgeführt werden, der Öffentlichkeit präsentiert. In Kärnten hat es lediglich während dreier Phasen nachhaltigere Ansätze gegeben, um eine öffentliche Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zu ermöglichen. Zunächst in den ersten Nachkriegsjahren im Rahmen der Wiederherstellung der Rechtsordnung der Republik Österreich unter Einflussnahme der britischen Befreiungsmacht. Ein zweites Mal 1965 - angeregt und getragen vom damaligen Landeshauptmann Ferdinand Wedenig - mit dem sogenannten Mahnmal-Komitee. Mit der Gründung der Plattform Memorial Kärnten/Koroška (MKK), an der unsere Freiheitskämpfer führend beteiligt sind, entstanden auch Überlegungen zu einer neuen Gedenkkultur an die NS-Opfer in Kärnten. Die Intention von MKK besteht vorrangig darin, die bestehende Landesgedenkstätte an die Opfer für ein freies Österreich als Kunstwerk dauerhaft zu erhalten und mit einem ebenfalls künstlerisch gestalteten Namensteil zu erweitern. Diese Intention wird unter anderem auch durch den Bundespräsidenten unterstützt, betont MKK-Vorsitzender Prof. Vinzenz Jobst.
Die Bemühungen um dieses Anliegen gestalten sich etwas zögerlich und mühsam, aber nicht erfolglos. Am Nationalfeiertag wurde das temporäre Mahnmal mit 1000 Namen in Klagenfurt-Annabichl feierlich enthüllt. Etwa 170 Personen nahmen an dieser Gedenkveranstaltung teil, die durch verschiedene Programmpunkte kulturell ausgestaltet worden ist.
|
|
| Bezirksgruppe Ottakring wieder aktiv | |
Dr. Susanne und Ing. Wolfgang Bock
Im April konstituierte sich nach einigen personalbedingten Schwierigkeiten die Bezirksgruppe der Freiheitskämpfer Ottakring, unter der Leitung von Landesvorstandsmitglied Willy Wagner, neu. Bei der ersten Zusammenkunft waren die Bezirkssekretärin, Gemeinderätin Nurten Yilmaz, und der Landesvorsitzende der Freiheitskämpfer, Ernst Nedwed, anwesend. In der Zwischenzeit hat die Bezirksgruppe eine Fahrt in das ehemalige NS-Euthanasielager Hartheim veranstaltet. Im November fand bereits eine größere Versammlung im Sekretariat am Schumeierplatz statt, bei der Hubert Pfoch über die NS-Pogromnacht am 9. November 1938 in Ottakring berichtete. Zu dieser Veranstaltung sind einige jüngere Mitglieder, Bildungsfunktionäre, ehemalige Widerstandskämpfer und aus dem Deutschen Reich geflüchtete Opfer des Nationalsozialismus gekommen, so Dr. Susanne und Ing. Wolfgang Bock. Von Susanne Bock stammt das Buch "Mit dem Koffer in der Hand", wo sie über das Emigrantenschicksal einer sozialdemokratischen Jugendlichen in Großbritannien und in einigen anderen Ländern berichtet. Ein weiteres Buch von Dr. Susanne Bock wird demnächst erscheinen. Im Februar wird in der Bezirksgruppe Ottakring eine Generalversammlung mit der Wahl eines neuen Vorstandes stattfinden.
|
|
| Ein Leben für Freiheit und Toleranz | |
Ehemalige Gestapo-Häftlinge Leo Kuhn und Alfred Ströer
Das war der Titel der Einladung zu einer Geburtstagsfeier für Leo Kuhn, anlässlich der Vollendung seines 95. Lebensjahres. Eingeladen hatte das "Mauthausenkomitee Österreich", die "Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen" und seine Familie. Der Einladung folgten zahlreiche Mitkämpfer und Leidensgenossen von Leo Kuhn. Leo Kuhn ist ein Symbol des Widerstandes gegen die Naziherrschaft, unter der er unvorstellbare Leiden zu ertragen hatte. Wie kam es dazu? Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht, im März 1938, das ist nicht zu leugnen, kam es zu Massenkundgebungen in denen der "Anschluss" und die Reden Adolf Hitlers in Linz und Wien, vor allem auf dem Heldenplatz, begrüßt wurden. Aber schon damals gab es Frauen und Männer, die den Anschluss Österreichs an Deutschland ablehnten und in Flugblättern vor der Nazidiktatur und dem "Braunen Polizeiapparat" warnten. Zu diesen Menschen zählte auch Leo Kuhn. Diese Aktionen dauerten nicht lange. Schon am 15. November 1938 wurden Leo Kuhn und seine Freunde verhaftet. Leo Kuhn kam zunächst in das Hauptquartier der Gestapo, im Hotel Metropol am Morzinplatz, wurde dort verhört und gefoltert. Der nächste Weg führte ihn in das Polizeigefangenhaus in dem er über sechs Monate verbrachte. Leo Kuhn rechnete mit einer Gerichtsverhandlung in Wien. Aber es kam anders. Nicht in Österreich wurde ihm ein Prozess gemacht, sondern in Berlin. Das Urteil lautete auf acht Jahre Zuchthaus. Die Strafe sollte er in Stein an der Donau absitzen. Vom Zuchthaus Stein kam er in das Arbeitslager Moosbierbaum an der Donau. Nach dem Scheitern eines Fluchtversuches im Jänner 1945 fielen Leo Kuhn und weitere Mithäftlinge erneut in die Hände der Gestapo, Leitstelle St. Pölten. Nach längeren Verhören folgte am 9. März 1945 seine Einlieferung in das Konzentrationslager Mauthausen. Dort sollte er sterben. Jedoch mit Hilfe anderer Häftlinge kam Leo Kuhn unter dem Verdacht einer Typhus- und Ruhrkrankheit in die Isolierbaracke des Lagers. Kurz darauf wurde die SS von seinem Tode informiert. In Wirklichkeit bekam er den Namen eines tatsächlich verstorbenen Häftlings. Für die SS war Leo Kuhn gestorben. Er erhielt nicht nur den Namen des Verstorbenen, aus Leo Kuhn wurde ein Robert Litterer mit der Häftlingsnummer 128.531. Leo Kuhn kam nun als Robert Litterer in das Nebenlager Ebensee. Am 21. April 1945 wurde der Bahnknotenpunkt Attnang-Puchheim durch einen alliierten Luftangriff großteils zerstört. Die Schäden mussten rasch behoben werden und deshalb wurden die Häftlinge aus dem Nebenlager angefordert. Jeden Tag um vier Uhr früh wurden die KZ-Häftlinge geweckt und nach Attnang-Puchheim gebracht, wo sie bis zum Einbruch der Dunkelheit arbeiten mussten. Leo Kuhn hatte Glück, dass er auf dem Rücktransport ins Lager, trotz aller Erschöpfung, nie zusammenbrach. Denn jene, denen das passierte, wurden getötet. Leo Kuhn war inzwischen schon schrecklich abgemagert, denn zum Essen bekamen die Häftlinge Nahrung ohne Nährwert, wie zum Beispiel gekochte Erdäpfelschalen mit heißem Wasser. Drei Tage vor der Befreiung des Lagers brach Leo Kuhn zusammen. "Man hat mir Fußtritte gegeben und mich dann in ein sogenanntes Krankenzimmer geschleppt, wo es keine Betten oder sonstiges mehr gab. Es herrschten dort katastrophale Zustände. Sie warfen mich einfach auf den Boden, wo ich dann einige Tage bewusstlos liegen blieb". Leo Kuhns Tag der Befreiung Das Lager Ebensee wurde am 6. Mai 1945 befreit, Leo Kuhn hatte diesen Tag am Rande des Todes in tiefer Bewusstlosigkeit zugebracht. Als er zwei Tage nach der Befreiung wieder zu sich kam, versuchte er auf allen vieren aus dem Lager zu kriechen, um so rasch wie möglich von diesem Ort des Schreckens wegzukommen. Damals wog er nur mehr 36 kg. Völlig außer Kräften brach er unterwegs wieder zusammen, wo ihn eine Ebenseer Bauernfamilie fand, die ihn bei sich aufnahm. Zu seinem großen Glück haben sie ihm nur Ziegenmilch gegeben, damit er wieder zu Kräften kam. Hätten sie ihm Kuhmilch gegeben, wäre das sein Tod gewesen. Leo Kuhn überlebte und stellte sich nach Ende des Krieges für Vorträge über die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus zur Verfügung. Bis zum Jahre 2002 führte er zahlreiche Schulklassen durch das Vernichtungslager Mauthausen. Er wollte vor allem jungen Menschen zeigen, welche schrecklichen Zustände damals herrschten und seinen Teil dazu beitragen, dass sich solche Verhältnisse nie mehr wiederholen. Am glücklichsten ist er, wenn er von den jungen Menschen und den Lehrpersonen, die er durch Mauthausen begleitet hatte, Dank, Anerkennung und Hochachtung in Worten und in zahlreichen Briefen erhält. Auch seine Leidensgenossen danken Freund Kuhn für seine lebenslange Freundschaft, denn ohne Freundschaft gibt es kein Leben. P.S.: Der Beitrag stützt sich auf eine ausführliche Arbeit über Leo Kuhn, die die Schülerin Birgit Friedler, nach einer Führung durch Mauthausen, niederschrieb.
Alfred Ströer
Der Verfasser dieses Beitrages verbrachte sechs Monate mit Leo Kuhn, wie er als Häftling der Gestapo, in einer Zelle.
|
|