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Der sozialdemokratische Kämpfer:
JAHRGANG 2007
  Nummer 01-02-03 / 2007
  Nummer 04-05-06 / 2007
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DER SOZIALDEMOKRATISCHE KÄMPFER - Nummer 01 - 02 - 03 / 2007

In dieser Ausgabe lesen Sie:

 


 

"Sozialer, fairer, moderner" Aus einer Erklärung von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer

Gusenbauer
Dass wir Österreich sozialer, fairer und moderner machen: Davon bin ich überzeugt. Denn der SPÖ geht es nicht um die eigene Macht, sondern in erster Linie um positive Lösungen für die Menschen. Dank der SPÖ-geführten Regierung wird jetzt wieder der soziale Schutz verstärkt, die Zahl der Arbeitslosen sinkt nach sieben Jahren Rekordarbeitslosigkeit, und nach Jahren des Bildungsabbaus wird jetzt wieder in die Bildung investiert. Die gute SPÖ-Handschrift lautet kurz gefasst: Wohlstand für alle statt Klientelpolitik. Die SPÖ will eine innovationsorientierte Klimaschutzpolitik, die Anreize für technologische Entwicklung und Forschung gibt und nicht den Lobbys, sondern den Menschen und einer lebenswerten Lebensumgebung verpflichtet ist. Obwohl die schwarz-blaue Regierung statt einer Senkung des CO2-Ausstoßes eine Steigerung um ganze 18 Prozent zu verantworten hat, stellt sich Minister Pröll hin und sagt: "Wir wollen so weitermachen wie bisher." Das "Verbot" von Fernreisen ist aber kein Beitrag gegen den Klimawandel, viel eher eine Lachnummer. Die SPÖ wird für eine Klimaschutzpolitik sorgen, die eines modernen Landes würdig ist.

Nach langen Jahren der Pensions- und Lohnverluste sowie des Wegs in die Zweiklassenmedizin wurde nun mit einer SPÖ-geführten Regierung der Kurswechsel eingeleitet. Die SPÖ wird 2010 auf eine gute Bilanz verweisen können. Natürlich wäre es sozial gerechter, wenn reiche Erben weiter Erbschaftssteuer bezahlen, doch die ÖVP verschließt vor Fragen der sozialen Gerechtigkeit die Augen. Die Abschaffung der Erbschaftssteuer ist aber allenfalls ein "Pyrrhussieg" der ÖVP. Denn die Frage der sozialen Gerechtigkeit und des Steuersystems kommt allerspätestens bei der Steuerreform 2010 wieder auf die Tagesordnung: Und da werden wir dafür sorgen, dass die Arbeitnehmer endlich das bekommen, was ihnen zusteht, und zumindest das zurückbekommen, was ihnen die schwarz-blaue Regierung in den letzten sieben Jahren weggenommen hat. Verteidigungsminister Norbert Darabos hat neben den Herausforderungen der Heeresreform und der Koordination des Katastrophenschutzes auch "ein halbes Außenministerium" zu führen, nämlich wesentlich bei der Gestaltung der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik mitzureden. Er muss aber auch ein Auge auf die Eurofighter haben, die auf der Grundlage eines der schädlichsten Verträge der Republik, sehr zum Nachteil der Steuerzahler, geliefert werden sollen. Jeder Euro, den Darabos den Steuerzahlern erspart, wäre ein gewonnener Euro für Österreich.

In der Frage des Facharbeitermangels hat sich das SPÖ-Konzept als überlegen herausgestellt. Bartensteins Zuzug von ausländischen Fachkräften allein ist kein politisches Konzept. Nur ein Frühwarnsystem, Qualifizierung und Mobilität führen auch zum Sinken der Arbeitslosigkeit - und genau das tun wir. Unser Konzept nutzt sowohl den Menschen als auch den Betrieben.

Die SPÖ hat sich viel vorgenommen und hat eine unendlich lange Baustellenliste aufzuarbeiten. Mit Hilfe der von sozialdemokratischen Ministerinnen und Ministern besetzten Schlüsselressorts wird das auch gelingen. So wird mit Ministerin Doris Bures Frauenpolitik endlich wieder an die Spitze der Tagespolitik kommen. Mit der Flexibilisierung des Kindergelds wird hier ein erster Eindruck der neuen Form von sozialdemokratischer Politik unterstrichen. In der Infrastruktur sind allein 10,5 Milliarden Euro für Straße und Schiene vorgesehen - ein weiterer Beleg für eine moderne und zukunftsorientierte Politik. Unsere Regierungsmannschaft wird für eine Umsetzung des Regierungsprogramms auf Punkt und Beistrich sorgen.

Aus der Rede auf dem Parteitag der SPÖ Steiermark

 


 

Kompromittierende Strache-Fotos: Was Gusenbauer wirklich sagte

Die erste Stellungnahme von Bundeskanzler Gusenbauer zu den durch interne Streitigkeiten in der FPÖ aufgetauchten Fotos, die H. C. Strache als mutmaßlichen Teilnehmer einer rechtsradikalen Wehrsportgruppe zeigen, hat zu regen Diskussionen und Kritiken in Kreisen der SPÖ und auch der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer geführt. Allerdings wurde Gusenbauers Äußerung in der Öffentlichkeit nur in sehr verkürzter und daher missverständlicher Form bekannt. Nachstehend die vollständige Antwort des Kanzlers auf die Frage des Reporters: "Schaun Sie, dieser Bilderkrieg in der FPÖ ist offensichtlich ein Instrument der innerparteilichen Auseinandersetzung und ich kenn nicht die Bilder von allen in der österreichischen Politik Tätigen, würde es solche Bilder geben, wäre das natürlich nicht gut.

Auf der anderen Seite weiß ich nicht, wie alt der Herr Strache war zu dem Zeitpunkt, als solche Bilder gemacht wurden. Ich finde, das Wichtige ist, wie er sich heute dazu stellt, ob er sozusagen - ob das irgendwelche Jugendtorheiten waren, die er heute bedauert, und wo er sagt, er steht heute unverbrüchlich zur österreichischen Demokratie, oder ob er zu den Bildern seiner eigenen Vergangenheit auch heute noch Sympathien hat. Das ist, glaube ich, der wesentliche Punkt. Ich will niemanden in Österreich aus irgendwelchen Dingen, die er in seiner Jugend gemacht hat, einen Strick drehen, aber entscheidend ist das Bekenntnis zur Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Ablehnung des Nationalsozialismus und seines Grauens heute. Und heute ist er ein erwachsener Mensch und wird daher Manns genug sein müssen, wenn er mit so was konfrontiert wird, auch klar dazu Stellung zu nehmen. Ich sage nicht, dass das akzeptabel ist. Mir wäre das nie eingefallen, aber ich finde, wichtig ist, wie er heute dazu steht. So wie es eine kollektive Erinnerung gibt und eine kollektive Vergangenheit in einem Land, so gibt es auch eine individuelle. Und es gibt manche Leute, die haben einen stärkeren Bedarf, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, und manche, die haben einen geringeren. Und wenn solche Bilder kommen, dann glaube ich, hat er einen erheblichen Bedarf, seine Vergangenheit zu bewältigen." Als dann Strache im Nationalrat eine Erklärung abgab, in der er sich vom Nationalsozialismus distanzierte, sich zugleich aber als "Verfolgter", der im Stil des berüchtigten antisemitischen Hetzblatts "Der Stürmer" angegriffen werde, ausgab, fand Gusenbauer diese Erklärung als unzureichend und sagte unter anderem: "Es sollte niemanden geben in diesem Hohen Haus, der nur irgendein Verständnis hat für die Gräueltaten des Nationalsozialismus. Wir alle sollten einen Beitrag leisten, dass es nie mehr ein Zurück zu solchen Seiten und Angelegenheiten gibt."

Er, Gusenbauer, habe in diesem Bereich selbst genug erlebt und wisse, wie schwer es sei, denn er habe sich in seiner eigenen Partei darum gekümmert, die "braunen Flecken der Partei" aufzuarbeiten. "Wir haben uns dieser Auseinandersetzung gestellt, so schmerzhaft sie auch war, weil ich der Ansicht bin, dass man in Bezug auf die eigene Geschichte, sei es eine individuelle oder kollektive, ein klares Verhältnis haben sollte." "Ich sage Ihnen, Herr Klubobmann Strache, selbst wenn Sie den Kreis der Medien in Österreich auf ein Medium, das mir nicht bekannt ist, einschränken, dann möchte ich Ihnen eines ganz klar sagen: In Österreich gibt es Presse- und Medienfreiheit, aber es gibt eine ganz fundamentale Einschränkung dieser Presse- und Medienfreiheit - nämlich das Verbotsgesetz und das Gesetz wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung. Würde es in Österreich eine Zeitung geben, die a la 'Stürmer' agiert, dann wäre es die Aufgabe der Bundesministerin für Justiz, diese Zeitung zu verbieten. Ich kenne in Österreich von den gängigen Medien keine einzige Zeitung, die unter das Verbotsgesetz fallen würde, keine einzige Zeitung, der man vorwerfen könnte, dass sie 'Stürmerqualitäten' hat, und daher ersuche ich Sie, im Sinne der Demokratie und Meinungsfreiheit, solche Vergleiche in Zukunft zu unterlassen. Sie sind nicht gerechtfertigt und nicht nützlich für die politische Diskussion."

 


 

Restitution kein "Schlussstrich""

Unter dem Titel "Schlussstrich? Die Geschichte der Restitution", luden die Präsidentin des Nationalrats Barbara Prammer und die Evangelische Akademie am 21. März zu einer Diskussion anlässlich des Erscheinens der Buchreihe "Raub und Rückgabe - Österreich von 1938 bis heute" (Mandelbaum Verlag) ein. Die vier Bände (je 300 Seiten) behandeln die Themen Republik und NS-Erbe, Arisierte Wirtschaft, Enteignete Kunst sowie Raub und Rückgabe von 1938 bis heute. Die Herausgeber Verena Pawlowsky und Harald Wendelin haben sich zum Ziel gesetzt, anhand der umfassenden Erkenntnisse der Historikerkommission einen Überblick über das komplexe Thema des teils durch die NS-Gesetze organisierten, teils durch Terror erzwungenen Raubs am jüdischen Vermögen zu geben, um so die durch die "Opferthese" verdrängte Mitverantwortung vieler Österreicher daran ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Die diskutierenden Experten Clemens Jabloner (VwGH), Terezija Stoisits (Nationalrätin), Kurt Scholz (Restitutionsbeauftragter Wiens) und Gerhard Baumgartner (Historiker) waren sich einig darüber, dass ein "Schlussstrich" verfrüht wäre. Restitution und Zwangsarbeiter- Entschädigung seien kein Grund zu österreichischem Selbstlob, sondern eine (sehr verspätete) Herstellung humaner Normalität.

 


 

Schattendorf - Erinnern ist notwendig

Schattendorf V. l.: Vbgm. Johann Lotter,
SJ-Vors. Ing. Andreas Gradwohl,
LH Hans Niessl,
Thomas Hoffmann,
Thomas Plank u.
Oliver Grasl
Foto: Richard Grasl

In Erinnerung an die folgenschwere Bluttat in Schattendorf vor 80 Jahren - am 30. Jänner 1927 - fanden heuer in den burgenländischen Orten Klingenbach und Schattendorf am 30. Jänner unter großer Teilnahme zwei eindrucksvolle Gedenkveranstaltungen statt.

Auf Einladung der SPÖ Klingenbach und der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer gedachten der Präsident des Burgenländischen Landtags, Walter Prior, und die LAbg. a. D. Gertrude Spieß des erschossenen Invaliden Matthias Csmarits aus Klingenbach mit bewegten Worten. Bei der anschließenden Veranstaltung der SPÖ Schattendorf und der Freiheitskämpfer am Grabmal des durch die Kugeln der "Frontkämpfer" zu Tode gekommenen achtjährigen Schülers Josef Grössing sprachen Bürgermeister Alfred Grafl und Landeshauptmann Hans Niessl Worte des Gedenkens. Eindringlich mahnte Niessl, die Bluttat und die aus ihr entspringenden Folgen als Warnung in Erinnerung zu behalten, und schloss die Kundgebung mit einer Kranzniederlegung am Grab Grössings. Anschließend fand im Gasthaus Johann Bierbaum/Sonnenhof ein Symposium zu den Ereignissen in Schattendorf 1927 statt. Vizebürgermeister und SPÖ-Vorsitzender Johann Lotter begrüßte die zahlreichen Gäste.

Dr. Gerald Schlag beleuchtete eingehend die politische, wirtschaftliche, soziale und militärische Situation im Burgenland in den Jahren seit 1918. Danach stellte Dr. Ute Leonhardt, eine Schattendorferin, die Ereignisse des 30. Jänner 1927 und deren Folgen in einem wissenschaftlich fundierten Vortrag anschaulich - auch mit Bildunterstützung - dar. Die mehr als 250 Besucher folgten ihrem Vortrag spürbar aufmerksam und fasziniert. Gertrude Spieß als Vorsitzende der burgenländischen Freiheitskämpfer und Bürgermeister Grafl dankten ihr mit bewegten Worten für die sachliche Darstellung des tragischen Geschehens. Angemerkt sei noch, dass einige Teilnehmer meinten, es wäre interessant gewesen, wenn (auch heute im Gemeinderat vertretene) Nachfahren der Familie Tscharmann - aus deren Gasthaus damals die Schüsse auf die vorbeimarschierenden Schutzbündler kamen - in der Diskussion Stellung aus ihrer Sicht bezogen hätten.

Ernst Jaritz

 


 

12. Februar - Erinnerung an die Opfer, Mahnung für die Zukunft

Das zentrale diesjährige Februar-Gedenken in Wien fand auf dem Areal des Simmeringer Markts statt. Auch in Simmering sammelten sich am 12. Februar 1934 Wehrsportler und Schutzbündler, um Widerstand gegen die austrofaschistische Machtergreifung zu leisten. Wie in den Jahren zuvor gedachten die Wiener Sozialdemokraten der Opfer dieses ersten bewaffneten Verteidigungskampfes gegen den aufkommenden Faschismus in Europa. Eine beträchtliche Anzahl von Genossinnen und Genossen aus Simmering und den Wiener Bezirken nahm an der abendlichen Kundgebung, die mit Kampfliedern der Gruppe "Morgenrot" eingeleitet wurde, teil.

Die Redner bei der Kundgebung waren der Wiener SPÖ-Vorsitzende Bürgermeister Michael Häupl, Landtagspräsident Johann Hatzl und der Bundesvorsitzende der Freiheitskämpfer Alfred Ströer. Michael Häupl führte dazu aus: "Der 12. Februar ist zunächst ein Tag des Gedenkens an jene, die Demokratie und Freiheit verteidigt haben. Aber es gilt auch, die Ereignisse, die zum 12. Februar geführt haben, historisch zu verstehen und daraus zu lernen: und zwar, wie stark der Zusammenhang zwischen dem sozialen Elend und dem Auseinanderfallen der Gesellschaft ist.

Für uns bedeutet das: Helfen wir denjenigen, die Hilfe brauchen! Der Kampf gegen Armut, für soziale Gerechtigkeit und den Zusammenhalt der Gesellschaft muss die zentrale Aufgabe sein", betonte Michael Häupl in seiner Ansprache. Armutsbekämpfung sei dementsprechend die vordringlichste Aufgabe, die die SPÖ in der Regierung umzusetzen habe. Angesichts globaler Entwicklungen hin zu mehr Wohlstandsgefälle und Ungleichheit sei es aber auch genauso notwendig, gemeinsam mit europäischen Sozialdemokraten und internationalen Partnern die Stimme zu erheben: "Gebt den Menschen was ihnen zusteht! Gebt ihnen Arbeit und Brot, dann werden auch die Konflikte in der Welt aufhören." Die Erinnerung an den 12. Februar sei insofern eine Möglichkeit, die Herausforderungen der Zukunft zu gestalten, unterstrich Häupl. "Wir müssen stets die Ursachen aufzeigen, damit unseren Kindern und Kindeskindern diese schmerzvolle Erfahrung erspart bleibt."

Dazu gehöre gerade auch, Rechtsdemagogen entschlossen entgegenzutreten. Häupl: "Ich freue mich über jede Distanzierung vom Rechtsradikalismus, aber genauso wichtig ist es heute, sich von jeder Form des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit zu distanzieren." Abschließend hielt der Redner fest: "Die Sozialdemokratie hat eine große Aufgabe zu erfüllen: die soziale Gerechtigkeit in dieser Stadt, in unserem Land und in Europa umzusetzen."

 


 

Toni Bruha - Sie war eine Heldin

Bruha Toni Bruha bei der Gedenkveranstaltung
der Bezirksgruppe Wien Innere Stadt
Foto: Alfred Pilar

Anfang dieses Jahres erreichte uns die Nachricht über Toni Bruhas Ableben. Obwohl wir wussten, dass ihr Gesundheitszustand Anlass zur Sorge bot, war es doch schwierig, den nunmehr endgültigen Abschied zur Kenntnis zu nehmen. Mit Toni Bruha haben wir eine wahre Freundin, eine aufrechte Kämpferin und einen herzensguten Menschen verloren, der in unserer Gemeinschaft seinen festen Platz hatte. Ich lernte Toni anlässlich des Besuchs holländischer Widerstandskämpfer im Jahre 1997 näher kennen. Zufällig hatte sie bei einer der Zusammenkünfte neben mir Platz genommen. Eine zierliche, liebenswürdige Frau, mit der ich sofort ins Gespräch kam. Sie erzählte über ihre einstmalige Widerstandstätigkeit und ihr ehrenamtliches Engagement als Zeitzeugin. An diesem Tag konnte ich sie als Mitglied der Bezirksgruppe Wien Innere Stadt werben. Dies sollte der Beginn einer beinahe zehn Jahre währenden Freundschaft und einer erfolgreichen Zusammenarbeit sein.

Toni wurde nach kurzer Zugehörigkeit zu unserem Bund als eine der vom NS-Regime verfolgten Zeitzeuginnen in unseren Bundesvorstand gewählt, und es verging keine Sitzung, während der sie nicht zu Wachsamkeit gegenüber rechtsgerichteten Strömungen und zu politischer Korrektheit mahnte. Nach und nach erfuhren wir wenigen, die sie noch nicht so lange kannten, mehr über ihre politische Vergangenheit, über ihren Leidensweg, der sie von der Zelle des Wiener Gestapohauptquartiers in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück führte, über ihre Freundschaft mit Rosa Jochmann und über ihre Tätigkeit im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, wo sie ihre Zeit jahrelang der Ravensbrück-Dokumentation widmete. Einige Generationen von Studentinnen und Studenten unterstützen sie bei dieser Arbeit und vielen von ihnen leistete sie wertvolle Hilfe bei der Erstellung ihrer Diplomarbeiten. Es waren "ihre" Studentinnen und Studenten, von denen sie stets mit besonderer Herzlichkeit sprach.

Ein großes Anliegen war Toni auch die Betreuung des Gedenkraums in der Salztorgasse, der im Hintereingang des ehemaligen Hotel Metropol eingerichtet ist. Es war ihr wichtig, in dieser Umgebung an die vielen von der Gestapo gemarterten und zu Tode gefolterten Widerstandskämpferinnen und -kämpfer zu erinnern. Darüber hinaus wurde sie Jahr um Jahr eingeladen, Schülerinnen und Schülern in einer Unterrichtsstunde über die Ereignisse der Jahre 1934 bis 1945 und ihr persönliches Schicksal zu berichten. Die im Anschluss an ihren Bericht geführten Gespräche reichten weit über die dafür vorgesehene Zeit hinaus. Dank ihrer liebenswerten Art gelang es Toni, die Herzen der jungen Menschen zu erreichen. Ich konnte Toni im Gedenkjahr 2005 für eine große Veranstaltung der Bezirksgruppe Wien Innere Stadt gewinnen, bei der sie über ihre Erlebnisse in der Krankenstation des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück und über die Verpflichtung junger Mädchen und Frauen zur Sexzwangsarbeit berichtete. Trotz ihres bereits angegriffenen Gesundheitszustands war sie sofort bereit gewesen, an dieser Gedenkveranstaltung aktiv teilzunehmen und ihre Erinnerungen weiterzugeben.

In diesem Jahr initiierten die SPÖ-Bundesfrauen, unter dem Vorsitz von Barbara Prammer, auch das Projekt Generationendialog, das zum Ziel hatte, die Lebenssituation der Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg zu beschreiben. Toni gewährte mir damals ein langes Interview, in dem sie Details über ihr politisches Engagement, die Umstände ihrer Verhaftung durch die Gestapo, die Trennung von ihrem drei Monate alten Mädchen, die erschütternden Erlebnisse im KZ Ravensbrück und den unendlich langen Rückweg nach Wien erzählte. Besonders erschütternd war für sie die Erkenntnis, dass sie für ihre nunmehr vier Jahre alte Tochter eine fremde, von den jahrelang ertragenen Strapazen gezeichnete Frau war. Das mit Toni Bruha geführte Gespräch wurde in der Publikation "Frauengeschichten aus den Aufbaujahren. Aus der dunklen in eine helle Zeit" veröffentlicht. Rosa Jochmann, Toni Bruha und viele ihrer Kameradinnen aus dem ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück gründeten die Lagergemeinschaft Ravensbrück. Toni übernahm in dieser Organisation die Funktion einer Kassierin, die sie erst im Alter von neunzig Jahren an eine junge Nachfolgerin abtrat. In ihrem - leider vergriffenen - Buch "Ich war keine Heldin" berichtete Toni über ihre Widerstandstätigkeit, über ihren Leidensweg bis 1945 und die in späteren Jahren mit ihrer Tochter geführten Gespräche, in denen sie ihre Beweggründe, sich der Widerstandsbewegung anzuschließen, darlegte.

In dieser Publikation wurde anstelle eines Vorworts ein Brief Rosa Jochmanns veröffentlicht, in dem es lautet: "... Dir, liebe Freundin, haben Unzählige zu danken: es danken Dir jene, deren Weg zwar durch das Tor des Leidens führte, die aber den Weg zurück nicht mehr gehen konnten; aber es danken Dir auch alle Freundinnen, die überlebten, denen Du auch heute noch ein helfender Freund bist. ..." Diesen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen. Toni, auch wenn du es nicht so gesehen hast, du warst eine Heldin, und ich danke dir, dass ich dich ein Stück deines Lebensweges begleiten durfte.

Edith Krisch

 


 

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