DER SOZIALDEMOKRATISCHE KÄMPFER - Nummer 04-05-06 / 2007
In dieser Ausgabe lesen Sie:
Widerstand im Parlament geehrt

Alfred Ströer im Gespräch mit Oskar Wiesflecker und Rudolf Nagiller
Foto: Parlament / Michaela Ranz
Im Jahre 1997 haben in einer gemeinsamen Entschließung der österreichische Nationalrat und der Bundesrat beschlossen, jeweils zum 5. Mai, in Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, eine Gedenkveranstaltung abzuhalten. Dadurch wurde Gelegenheit geboten, jährlich in aller Öffentlichkeit über die Zeit ohne Gnade zu berichten und aufzuklären. Vom Schicksal der Anne Frank bis zu den vertriebenen Schriftstellern wurden viele Opfergruppen in Zeitzeugengesprächen und in künstlerischer Form präsentiert. Insbesondere die Verfolgung der Juden und der Roma wurde eindrucksvoll den Menschen von heute vermittelt.
Für 2006 war geplant, dass auch Vertreter des österreichischen Widerstandes zu Wort kommen sollen. Nach einer Zusage des damaligen Präsidenten des Nationalrats, Dr. Khol, waren die Vorbereitungen für diese Veranstaltung bereits angelaufen, aber einige Zeit vor dem Termin kam eine Absage der Parlamentsdirektion: Im Jahr 2006 würden die Abgeordneten selbst zum Thema des Nationalsozialismus Stellung nehmen und für die kommenden Jahre sollte die Veranstaltung nicht im repräsentativen Rahmen des Reichsratssitzungssaals stattfinden, sondern z.B. in das ehemalige KZ Gusen ausgelagert werden. Dagegen protestierte die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs. Natürlich waren die Vertreter der drei Organisationen KZ-Verband, Sozialdemokratische Freiheitskämpfer und ÖVP-Kameradschaft nicht gegen eine Befassung des Nationalrats mit diesem Thema, sondern das wurde sogar begrüßt. Aber die Zeitzeugen des Widerstandes haben ein Alter erreicht, das eine Verschiebung solcher Veranstaltungen auf spätere Zeiten nicht sinnvoll erscheinen lässt. Schließlich wurde die Diskussion auf die Zeit nach der Nationalratswahl im Oktober 2006 verschoben.
Nach dieser Wahl gab es eine neue Präsidentin des Nationalrats, Barbara Prammer, sie sagte den Opferverbänden ihre sofortige Unterstützung zu, und so konnte diese einmalige und hervorragende Gedenkveranstaltung vorbereitet werden. Unter dem Titel "Widerstand 1938 bis 1945 - Zivilcourage heute" lud das Parlament am 4. Mai 2007 wieder in den Reichsratssitzungssaal ein. Als Schwerpunkt der Veranstaltung wurde ein Interview von Rudolf Nagiller mit den Vorsitzenden der drei Opferverbände - Alfred Ströer, Sozialdemokratische Freiheitskämpfer, Gerhard Kastelic, ÖVP-Kameradschaft, und Oskar Wiesflecker, KZ-Verband - geführt. Dieses Interview war durch die persönliche Betroffenheit der Zeitzeugen besonders authentisch und es beeindruckte sowohl die Abgeordneten als auch die geladenen Gäste, darunter Bundespräsident Heinz Fischer, Vertreter der Behörden, der Wissenschaft und der Geistlichkeit sowie die Vertreter der Opferverbände.
Eröffnet wurde die Veranstaltung, zu der auch ein Großteil der Regierung, an der Spitze Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, und sämtliche Vorsitzenden der Parlamentsklubs gekommen waren, durch das Ensemble Klesmer Wien.
Die Präsidentin des Nationalrats, Barbara Prammer, bezeichnete es als "besondere Ehre", Vertreter des Widerstandes im Parlament begrüßen zu dürfen. Es gehe um ein "ehrliches Gedenken", das mehr als eine bloße Rückschau sein sollte. Das Erinnern müsse immer auch eine Mahnung sein. Denn Demokratie schütze nicht vor antidemokratischen Tendenzen. Als Bedingung für den Widerstand nannte Prammer wie auch Bundesratspräsident Gruber Zivilcourage. Die Nationalratspräsidentin wies auch auf die besondere Bedeutung von Frauen im Widerstand hin.
Ein Film über die Widerstandskämpferinnen Rosa Jochmann, die im KZ inhaftiert war, und Schwester Restituta Helene Kafka, die vom NS-Regime ermordet worden war, diente als Beispiel. Auch Gespräche mit Jugendlichen wurden in einem Film dargestellt.
Für den Zeithistoriker Oliver Rathkolb ist es ein wichtiges Anliegen, den "Gender-Gap" in der Forschung zu schließen und den Widerstand von Frauen stärker zu thematisieren. Er verwies auch darauf, dass der Widerstand lange Zeit in der öffentlichen Diskussion nicht vorgekommen sei. Erst in den 1980er Jahren habe es einen Paradigmenwechsel gegeben, u.a. bedingt durch die Diskussion um die Kriegsvergangenheit von Ex-Bundespräsident Kurt Waldheim.
Die anwesenden Zeitzeugen verwiesen in der Diskussionsrunde auf die Gefahren, welchen die Widerstandskämpfer ausgesetzt gewesen waren. Alfred Ströer vom Bund Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer erinnerte daran, dass Zivilcourage damals von Strafen, die bis zur Todesstrafe reichten, bedroht war. Mit der Entwicklung der Aufarbeitung der Geschichte zeigte er sich zufrieden. Er habe es sich nicht träumen lassen, dass es einmal Institute an den Universitäten geben würde, die sich mit der jüngeren Geschichte befassten.
Oskar Wiesflecker vom KZ-Verband begrüßte die Veranstaltung, denn eine Ehrung in diesem Rahmen sei lange "nicht vorstellbar" gewesen. Gerhard Kastelic von der ÖVP-Kameradschaft meinte, gerade jetzt - mit der Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre - sei die Chance gegeben, den Jugendlichen die politischen Zusammenhänge klarzumachen.
Die Teilnehmer an der Veranstaltung im Reichsratssitzungssaal, ganz gleich welcher Partei und Glaubensrichtung, waren beeindruckt von den wenigen Sätzen, die im Interview mit den drei Zeitzeugen ausgesprochen wurden. So hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als Alfred Ströer über ein sechzehnjähriges Mädchen berichtete, das wegen geringfügiger Verstöße gegen das Heimtückegesetz zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.
Eine Veranstaltung, die in der bisherigen Reihe nicht fehlen durfte, denn der österreichische Widerstand war auch ein wichtiger Beitrag bei der Wiederherstellung der Zweiten Republik, und er war auch nicht so gering, wie er oft dargestellt wird.
Herzlichen Dank an alle, die diese Veranstaltung ermöglichten, vor allem an Barbara Prammer.
Ernst Nedwed
Lidice - 10. Juni 2007
1919 verfasste der sozialdemokratische Volksbildner und Schriftsteller Josef Luitpold Stern seine soziale Ballade "Der Galgen von Kladno", in der er drastische Erziehungsmaßnahmen der Einwohner dieser Bergarbeiterstadt gegen "Leuteschinder" oder "Brotbesteurer" darstellte, die letzten Endes die "reuigen Lumpen" laufen ließen. Denn - "Dem Volke das Leben, die Sonne, die Welt! Das will der Galgen von Kladno!" - so lauten die Schlussakkorde dieser Ballade. 23 Jahre später sah die Welt ganz anders aus. Am 12. Juni 1942 mussten die Mütter von Lidice in der Turnhalle der Realschule dieser Industrie- und Bergbaustadt die gewaltsame Trennung von ihren Kindern durch die Nazis erleiden. Bereits einen Tag vorher hatte die Gestapo von Kladno in einer ausführlichen Liste 91 Lidicer Kinder erfasst. In unmittelbarer Nähe von Kladno befand sich das Dorf Lidice, in der größere Bauernhöfe eher die Ausnahme bildeten und das geprägt war von kleinen Häusern, in denen Arbeiterfamilien wohnten, die Beschäftigung in den Berg- und Hüttenwerken in Kladno fanden. In Lidice stand lange Jahre an der Spitze der Gemeindeverwaltung der sozialdemokratische Bürgermeister František Hejma, der sich unter den erschossenen Opfern des 10. Juni 1942 befand.
Mit der Amtseinführung des SS-Obergruppenführers und Polizeigenerals Reinhard Heydrich zum "stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren" im September 1941 setzte eine unglaubliche Verfolgungswelle ein. 5.000 Tschechen wurden verhaftet und die Nazis vollstreckten rund 500 Todesurteile. Gegen Heydrich als Kopf des nazistischen Terrors setzten abgesprungene tschechische Fallschirmjäger, die 1941 in Schottland ausgebildet wurden, eine militärische Aktion. Das Attentat auf den verhassten Tyrannen Heydrich vollzogen am 27. Mai 1942 Jozef Gabcik und Jan Kubiš in Prag-Liben. 10 Millionen Kronen für "zweckdienliche Angaben" setzte der ebenfalls berüchtigte SSler Karl Hermann Frank als Belohnung zur Ergreifung der tschechischen Widerstandskämpfer aus. Am 4. Juni starb der "stellvertretende Reichsprotektor" an den Folgen des Anschlags. Schon an diesem Tag fanden Hausdurchsuchungen der Gestapo und der SS in Lidice statt. Sechs Tage später, am 10. Juni 1942, vollzogen die Nazis einen Massenmord an 173 Männern von Lidice. 184 gefangene Frauen von Lidice kamen am 14. Juni 1942 im KZ Ravensbrück an. Weitere Lidicer Frauen ermordete die SS in Auschwitz und Majdanek. Das Leben von 82 Kindern aus Lidice endete im Gaswagen des Vernichtungslagers in Chelmno. Sieben Kinder aus diesem tschechischen Dorf waren für die "Germanisierung" bestimmt. Die entsetzliche Opferbilanz des Dorfes Lidice: Von den 493 Einwohnern - weitere sieben Kinder wurden bis Ende 1942 geboren - ermordeten die Nazis 192 Männer, 60 Frauen und 88 Kinder.
Viele tschechische Frauen und Männer, die ihren abgesprungenen Landsleuten Hilfe gewährten oder mit ihnen in Verbindung standen, wurden im KZ Mauthausen ermordet. Der Ort Lidice wurde, wie etwa auch das böhmische Dorf Ležáky, total zerstört und dem Erdboden gleichgemacht.
Den 65. Jahrestag des Massenmords in Lidice nahm die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs zum Anlass, um eine Gedenkfahrt nach Prag und Lidice zu gestalten, die von den Opferverbänden und der Österreichisch-Tschechischen Gesellschaft unterstützt wurde. Die Vorbereitungsarbeiten lagen in den Händen unseres Bundes und wurden von Edith Krisch und Ernst Nedwed geleistet. 22 Frauen und Männer unter der Delegationsleitung des Vorsitzenden unseres Bundes, Alfred Ströer, beteiligten sich an dieser Gedenkfahrt vom 8. bis 10. Juni 2007.
Am ersten Tag kam es zu einem herzlichen Empfang und Gedankenaustausch in der Residenz unserer Botschafterin Frau Margot Klestil. Der 9. Juni war der Hauptstadt Prag gewidmet, wobei wir auch eine bedeutende Stätte des tschechischen Widerstandes, die orthodoxe Kathedrale der Hl. Kyrill und Methodius besuchten. Heute ist vor der Krypta, in der sich die Fallschirmjäger aus England, Unteroffiziersanwärter Josef Bublík, Feldwebel Jozef Gabcik, Unteroffizier Jan Hrubý, Feldwebel Jan, Oberleutnant Adolf Opálka, Unterfeldwebel Jaroslav Švarc und Feldwebel Josef Valcik verbargen und am 18. Juni 1942 der Gestapo und zahlreichen Soldaten, darunter 360 Angehörigen des Prager SS-Wachbataillons, einen erbitterten Kampf im Kirchenschiff (Bublík, Kubiš, Opálka) lieferten. Als sie gefallen waren, setzten vier weitere Kameraden in der Krypta den Kampf fort und verübten mit ihren letzten vier Patronen Selbstmord. Heute ist hier die "Nationale Gedenkstätte für die Helden der Heydrichiade - Ort der Versöhnung" zu besichtigen. Bischof Gorazd, Kaplan Vladimír Petrek, Dekan Václav Cikl und der Vorsitzende des Ältestenrats der orthodoxen Kathedrale, Jan Sonnevend, mussten sich am 3. September 1942 einem Schauprozess durch die Nazis aussetzen und wurden am 4. und 5. September 1942 auf dem Exekutionsplatz in Prag-Kobylisy erschossen. Neun weitere Mitglieder der orthodoxen Kirchengemeinde wurden am 24. Oktober 1942 im KZ Mauthausen ermordet. Wir sahen den beeindruckenden Dokumentarfilm von Jan und Krystyna Kaplan "SS-3" über das Attentat auf Heydrich und die Folgen, besuchten die Krypta und legten einen Kranz der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs vor dem Mahnmal auf der Außenseite der orthodoxen Kathedrale nieder, der auf einige Beachtung bei den vorübergehenden Menschen stieß. Die anschließende Zeit am Samstag war der Besichtigung Prags mit der Fremdenführerin Mirka Jakobová gewidmet.
Am Gedenktag des Massenmords in Lidice waren wir natürlich unter den zahlreichen Menschen, die der Opfer der Nazibarbarei an diesem Ort des Schreckens gedachten. Auf unserer Fahrt begegneten wir in Prag auch Frauen und Männern, die einen Staffellauf zum Gedenken an den 10. Juni 1942 nach Lidice durchführten. Mit dabei in der Gedenkstätte Lidice war auch die österreichische Botschafterin Margot Klestil, die einen Kranz der Republik, ebenso wie die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs einen Kranz, auf das Massengrab der erschossenen Männer legte. Während der Zeremonie mit den vielen, vielen Kränzen hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet. Gedenkreden hielten der Präsident der Tschechischen Republik, Václav Klaus, und die Vorsitzende des tschechischen Verbandes der Kämpfer für Freiheit, Andela Dvoráková. Jaroslav Šuvarský von der tschechischen orthodoxen Kirche sprach ein Gebet.
Mit der Gedenkfahrt nach Lidice setzte die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs einen weiteren Akzent in der nach wie vor wichtigen Würdigung der Opfer der nazistischen Barbarei.
Herbert Exenberger
Gedenktafel für die weiblichen NS-Opfer
Wenige Tage vor dem 62. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen (KLM) wurde den weiblichen Häftlingen des KLM mit Anbringung einer Gedenktafel ein sichtbares Zeichen wider das Vergessen gesetzt. Die Enthüllung der Tafel nahmen Nationalratspräsidentin Mag. Barbara Prammer und Helga Weissova-Hoskova, Künstlerin und Überlebende des KLM, am 19. April 2007 im Beisein von zahlreichen Schülerinnen und Vertreter(inne)n der Opferverbände vor.
In den Jahren 1942 bis zur Befreiung des KLM am 5.5.1945 wurden mehr als 8.500 Mädchen und Frauen aus mehreren Ländern Europas in das KLM und seine Nebenlager deportiert. Ein erheblicher Teil dieser aus politischen, religiösen oder sexuellen Motiven verfolgten und ausgebeuteten Frauen fanden im Konzentrationslager den Tod.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben sich in den letzten Jahrzehnten vor allem mit der männlichen Häftlingsgesellschaft befasst. Dementsprechend unterrepräsentiert kommt das Schicksal der Mädchen und Frauen im KLM in Dokumentationen und Ausstellungen in der nunmehrigen KZ-Gedenkstätte Mauthausen vor. Erst in den letzten Jahren hat die Wissenschaft in Ansätzen begonnen, das Schicksal von Mädchen und Frauen im Konzentrationslager intensiv zu untersuchen und zu dokumentieren. Dieser Tatsache verstärkt Rechnung tragend, hat das Bundesministerium für Inneres im Vorjahr die Ausstellung "Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern" in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen präsentiert und danach angekauft, um den erwähnten Zustand zu korrigieren und um die Aufmerksamkeit auf diese unterrepräsentierte Opfergruppe zu lenken.
Prammer ging auf ein Thema ein, das bei Mauthausen-Gedenken selten aufgegriffen wird: "Wissenschafterinnen und Wissenschafter, Künstlerinnen und Künstler als Häftlinge in Mauthausen". Die Nationalsozialisten haben auch unter diesen Menschen gewütet, sie verfolgt, vertrieben und ermordet.
An die Stelle von deren Schaffen setzten sie das ein, was sie "deutsche Kunst" und "deutsche Wissenschaft" nannten. Ein Wahn, der viele Opfer forderte. So missbrauchten sie die Lehren der Medizin und brachten Häftlinge in grausamen Experimenten ums Leben. Künstler, die nicht bereit waren, ihre Kunst zu verleugnen, wurden diskriminiert und verfolgt - vom Berufsverbot bis zur Ermordung.
Harald Hutterberger
Dichterwort: Von den Opfern erzählen!

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier hielt die Gedenkrede in Mauthausen
Foto: BMI / Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen / Stephan Matyus
Die Gedenkrede in Mauthausen hielt dieses Jahr der bekannte Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier. Sie war sehr persönlich gehalten, das Bekenntnis eines "Erzählers", der gewissenhaft um den "rechten Weg" bemüht ist und ihn so definierte: "Ich trage das Fähnchen der Menschlichkeit ein Stück weit voraus in die Dunkelheit und pflanze es dort auf, damit die Nachfolgenden den Weg leichter finden." Aber gleich weiter: "Der rechte Weg:Was für eine Phrase an diesem Ort!" Nachstehend ein Ausschnitt aus dieser nachdenklichen Gedenkrede:
"Ich bin 1949 geboren. Meine Mutter stammte aus Coburg in Deutschland. Sie war vor Hitlers Machtergreifung Sekretärin von Dr. Beet gewesen, einem der beiden Notare in der Stadt. Dr. Beet war Jude. Meine Mutter hat gesehen, wie er zusammen mit anderen durch die Stadt getrieben wurde.
Davon hat sie mir erzählt. Immer wieder. Und wie erzähle ich das weiter? Darf ich Dr. Beet in meiner Erzählung ein Gesicht geben? Darf ich seine Augen beschreiben, in die ich nie geblickt habe? Darf ich mir diese Augen erfinden? Ich weiß so wenig über diesen Mann. Ist es erlaubt, dass ich meine Einbildungskraft auf den Weg schicke? Darf ich Dr. Beet Worte sagen lassen, als hätte er sie wirklich gesagt, als wäre ich - ein Nachgeborener - neben ihm gestanden?
Sollten meine Geschichtslehrer recht gehabt haben, die uns in den sechziger Jahren so überaus sparsam vom Nationalsozialismus erzählt haben? Von den Tötungsmaschinen haben sie noch weniger erzählt, und gar nichts haben sie von den Ermordeten erzählt.
Die Ermordeten traten als ein anonymes Schattenheer auf. Es gehörte sich nicht, sie direkt anzublicken. Mein Geschichtslehrer, ein vehementer Gegner der Nazis, sagte auf meine diesbezügliche Frage: ‚Nein, darüber kann man nicht erzählen. Nie wird man darüber erzählen können. Wer darüber erzählt, redet Unsinn, kann nur Unsinn reden.‘ Und dann zitierte er das Wort von Adorno, wonach man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben könne.
Ich wollte aber Gedichte schreiben. Und ich wollte erzählen. Und ich dachte - und denke immer noch - dass das Erzählen eine edle Sache ist. Was nicht erzählt wird, wird vergessen. Wer das Erzählen aufgibt, begeht Selbstauslöschung.
Der Erzähler in Mauthausen sieht sich vor ein Dilemma gestellt. Wer nicht erzählt, verschweigt, wer aber erzählt, begeht im harmlosesten Fall eine grobe Geschmacklosigkeit.
Eine der Folgen daraus war, dass fast ausschließlich von den Tätern gesprochen wurde. Die Erzähler meinten, auf diese Weise dem Dilemma zu entkommen. Sie schwiegen nicht und verschwiegen nicht, aber indem sie erst gar nicht versuchten, dem Unsagbaren Worte zu geben, entweihten sie auch nicht die Aura, die sich um das maßlose, mit nichts zu vergleichende Grauen gebildet hatte. Heraus kam negative Heldenverehrung, die letzten Tage Hitlers im Führerbunker, Psychogramm eines Mengele, eines Höss, eines Kaltenbrunner, eines Göring und so weiter. Jeder kannte die Namen der großen Verbrecher. So ist der Mensch, dazu sind wir fähig.
So sind wir, dazu sind wir fähig …
An diesem Geschäft, sagt sich der Erzähler in Mauthausen, an diesem Geschäft will und darf ich mich nicht beteiligen.
Und abermals steckt er in einem Dilemma: Wie erzähle ich von den Opfern? Und sofort fährt er sich über den Mund: Von den Opfern? Waren sie denn nur Opfer? Interessiert mich an ihnen nur ihr Opfersein? Wäre das nicht der letzte dämonisch-perfide Sieg derjenigen, die geschunden und ermordet haben? …
Jedes Wort ist zugleich ein Zuwenig und ein Zuviel. Aber wir haben nur Worte, Worte, Worte. Niemals waren die Worte einer solchen Probe ausgesetzt. Und wenn sich einer für jedes Wort schämen muss, so stehen ihm doch wieder nur Worte zu Verfügung, wenn er um Verzeihung bitten will."
15. Juli 1927: Anfang vom Ende der demokratischen Republik

Julius Deutsch und Karl Seitz versuchen vergeblich, der Feuerwehr den Weg zum brennenden Justizpalast zu bahnen
Foto: Verlag Ueberreuter
Rosa Jochmann war eine unter den Tausenden Demonstranten, die am 15. Juli 1927 über den Ring zogen und, von der Polizei abgedrängt, auf den Schmerlingplatz auswichen. Als dort aus dem Justizpalast Flammen schlugen, geschah dann das Unfassbare: "Plötzlich stockte der Zug, irgendetwas hinderte die Ersten am Weitermarschieren. Ich trat aus dem Zug, und zu meinem namenlosen Entsetzen sah ich, ungefähr dreißig Meter entfernt, zwei Reihen Wachleute stehen. Die erste Reihe kniete, die zweite Reihe blieb stehen, und schon wurde eine Salve abgefeuert." Auf diese Weise wurden der Platz und die angrenzenden Gassen "gesäubert" - hatte doch Bundeskanzler Ignaz Seipel dem Innenminister Hartleb und dem Polizeipräsidenten Schober härtestes Vorgehen befohlen.
Die Ursache für diesen "schwarzen Freitag" der Republik, mit dem deren Untergang eingeleitet wurde, lag ein halbes Jahr zurück. Obwohl gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen rechts und links schon zuvor in die Politik Eingang gefunden hatten, löste der Bluttag von Schattendorf, wo am 30. Jänner 1927 Frontkämpfer auf vorbeiziehende Schutzbündler geschossen und einen Invaliden und einen achtjährigen Buben getötet hatten, eine weit über die Arbeiterschaft hinausgehende Empörung aus.
Am 14. Juli lief im Wiener Landesgericht der Prozess gegen die drei Mordschützen. Schon die Anklage verhieß ein mildes Urteil: Sie war nur wegen "öffentlicher Gewalttätigkeit" erhoben worden. Der Staatsanwalt meinte in seinem Plädoyer, die "moralische Schuld" treffe die Schutzbündler, ihre schießwütigen Gegner redeten sich auf "Notwehr" aus. In den Abendstunden gaben die Geschworenen ihr Urteil bekannt: Freispruch! Die Mörder verließen unter dem Beifall ihrer Gesinnungsgenossen das Gerichtsgebäude als freie Männer.
Die Arbeiter der Wiener E-Werke, die früh von dem Schandurteil erfahren hatten, wollten streiken und schickten Betriebsräte in die sozialdemokratische Parteizentrale an der Rechten Wienzeile. Sie trafen dort nur noch den Chefredakteur der "Arbeiter-Zeitung", Friedrich Austerlitz, an. Er hatte fur die Morgenausgabe der AZ einen leidenschaftlichen Leitartikel verfasst, der die Geschworenen "eidbrüchige Gesellen" nannte und in dem es weiter hieß: "Die bürgerliche Welt warnt immerzu vor dem Bürgerkrieg; aber ist diese glatte, diese aufreizende Freisprechung von Menschen, die Arbeiter getötet haben, nicht schon selbst der Bürgerkrieg? Wir warnen sie alle, denn aus einer Aussaat von Unrecht, wie sie gestern geschehen ist, kann nur schweres Unheil entstehen."
Austerlitz verständigte Julius Deutsch, doch dieser konnte die E-Werker von ihrem Beschluss nicht abhalten. Die Empörung erfasste in den Morgenstunden viele Großbetriebe. Die Straßenbahn fuhr nicht, und die Massen machten sich zu Fuß auf den Weg in die Innenstadt. Unglücklicherweise zögerte der Parteivorstand noch, den Ordnerdienst des Schutzbundes abzukommandieren; man wollte den Eindruck vermeiden, die Partei hätte den Protest organisiert, zumal sie stets auf Geschworenengerichte gepocht hatte.
Die Demonstranten strömten indes von allen Seiten auf die Ringstraße. Bei dem von einem Polizeikordon abgeschirmten Parlament kam es nach einem Gerangel zu einem folgenschweren Fehler des Polizeihauptmanns Tauß, der eine Säbelattacke der Berittenen gegen die Demonstranten befahl. Viele flüchteten in die benachbarten Parks, etliche bewaffneten sich an einer Baustelle mit Stöcken und Steinen, und die Wachleute drängten die Menge auf den Schmerlingplatz ab. Ein Polizist gab einen Pistolenschuss ab und traf einen Burschen, in der Menge verbreitete sich das Gerücht, dieser sei tot. Die Aufregung und Empörung richtete sich nun mit voller Wut gegen das harte Vorgehen der Wache. Ein Wachzimmer wurde erstürmt, erbeutete Uniformstücke wurden an Laternenpfählen aufgehängt (dies rief die ausgestreute Vermutung wach, Polizisten seien gelyncht worden, was wiederum die Brutalität der Exekutive steigerte). Demonstranten verwüsteten die nahe gelegenen Redaktionsräume der deutschnationalen "Wiener Neuesten Nachrichten" und der christlichsozialen "Reichspost", die den Freispruch bejubelt hatten.
Die sozialdemokratische Parteiführung hatte die spontane Bewegung, in der schließlich an die 200.000 in die Innenstadt marschiert waren, unterschätzt und die Reaktion der Angegriffenen auf die Polizeigewalt nicht erwarten können. Erst gegen Mittag wurden Schutzbund-Ordner mobilisiert, um die Lage zu beruhigen. Doch die Menge war nicht mehr zu halten. Der Justizpalast war für sie zu einem Symbol des Unrechtssystems geworden, das den Freispruch der Arbeitermörder ermöglicht hatte. Die Polizeikette vor dem Gebäude wurde ins Innere getrieben. Einige radikale junge Burschen drangen in den Palast ein, warfen Aktenbündel auf die Straße und legten im Inneren Feuer. Bald schlugen aus dem Dachgeschoß Flammen. Die herbeigerufene Feuerwehr kam im Gedränge auf dem Platz nicht durch, selbst Bürgermeister Seitz auf dem Polizeiauto war außerstande, die Durchfahrt zu ermöglichen.
Bereits am Vormittag hatte Bundeskanzler Seipel den Polizeipräsidenten Schober beauftragt, gewaltsam "die Ordnung wiederherzustellen". Die Polizisten wurden mit Militärkarabinern ausgerüstet. Sie rückten gegen 14.30 Uhr an und begannen, in die Menge zu schießen. Auch schon Flüchtenden wurde nachgeschossen. "Fallweise hat es ausgeschaut wie eine Hasenjagd", musste Innenminister Hartleb nachher zugeben. Selbst Ärzte und Krankenschwestern, die sich um Verletzte kümmerten, wurden niedergeknallt. Die Jagd ging in den Außenbezirken weiter.
Die Bilanz dieses blutigen Freitags: 85 tote Zivilisten und 4 tote Polizeibeamte - keiner von diesen war im Zentrum des Geschehens getötet worden; ein Kriminalbeamter war den Kugeln seiner Kameraden erlegen, drei starben bei nächtlichen Racheakten. Die Zahl der Verletzten lag weit über tausend.
"Gott sei Dank, sie haben ihre Pflicht getan", lobte Bundeskanzler Seipel die Polizei im Parlament. Den Antrag auf Amnestierung von "Aufrührern" lehnte er mit dem pathetischen Satz ab: "Verlangen Sie nichts vom Parlament und von der Regierung, das den Opfern und den Schuldigen an den Unglückstagen gegenüber mild erscheint, aber grausam wäre gegenüber der verwundeten Republik." Für die Sozialdemokraten wurde er zum "Prälat ohne Milde", und die Kirchenaustritte nahmen ein zuvor nicht gekanntes Ausmaß an.
Das Motiv für Seipels Entschluss, ein furchtbares Exempel zu statuieren, ist kaum darin zu suchen, dass er den Ausbruch einer Revolution befürchtete. Dazu gab es in der Haltung der sozialdemokratischen Parteiführung keinen Anlass.
Es mag schon sein, dass dabei Seipels zu einem religiösen Weltdrama hochstilisierte Überzeugung mitspielte, die ihn sogar unverhohlen "Waffen gegen die Feinde Christi" verlangen (und daher immer mehr in der faschistischen Heimwehr seine Bundesgenossen sehen) ließ. Aber er war auch zu sehr Machtpolitiker, um nicht die Chance zu nutzen, sich gegenüber dem Bürgertum als Beschützer gegen die "Bolschewisten" auszuweisen.
Für die österreichische Sozialdemokratie, die sich noch durch die Wahlergebnisse von 1926 eine demokratische Übernahme der Macht in der Republik erhoffen konnte, war die offenkundige unerbittliche Gewaltbereitschaft der Gegenseite Reif auf die Träume von einem Österreich der arbeitenden Menschen.
Der Faschismus, in Italien bereits Wirklichkeit, war in vielen Ländern Europas im Vormarsch. Die Kluft zwischen den "Lagern" in Österreich war unüberbrückbar geworden.
Manfred Scheuch
Die Tragödie im Buch
Eine ausführliche Darstellung der Ereignisse am 15. Juli 1927 und deren Vorgeschichte in Schattendorf gibt Günther Steinbach in seinem jüngst erschienenen Buch "Kanzler, Krisen, Katastrophen. Die Erste Republik" (Verlag Carl Ueberreuter, Wien).
Steinbach analysiert nicht nur kritisch, sondern schildert die an tragischen Ereignissen nicht arme Geschichte von Republik und austrofaschistischem Ständestaat zudem fast mit der Spannung eines Kriminalromans. Neben 1927 wird eingehend auch das Jahr 1934 beleuchtet. Eine absolut empfehlenswerte Darstellung, deren zahlreichen Fotos das Bild des vergeblichen Eingreifens von Bürgermeister Seitz entnommen ist.
Rosa Jochmann zum 15. Juli 1927
Vielfach wird die Meinung vertreten, die Rolle der Frauen im Widerstand werde nicht entsprechend gewürdigt. Und tatsächlich, wenn wir die Meldungen zum 15. Juli 1927 betrachten, wird wenig über den Widerstand, den Frauen geleistet haben, berichtet. Es stellt sich die Frage, wie die Gründerin des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer, Rosa Jochmann, den 15. Juli 1927 erlebt hat.
In dem im Europa Verlag erschienenen Buch "Rosa Jochmann - Zeitzeugin" findet sich darüber ein kurzer Bericht. "Ein klares Urteil", so bewertete die christlichsoziale "Reichspost" das am 14. Juli 1927 gefällte Urteil im "Schattendorfer Prozess", einem Geschworenenprozess, in dem die drei wegen Tötung eines Invaliden und eines Kindes Angeklagten von den Geschworenen mehrheitlich freigesprochen wurden. Rosa Jochmann las die Meldung der "Reichspost" in den frühen Morgenstunden des 15. Juli 1927. Ihre Empörung über dieses Schandurteil und die Einschätzung durch die christlichsoziale Zeitung war so groß, dass sie sich sofort bei ihrer Arbeitsstelle, dem Chemiearbeiterverband, für diesen Tag vom Dienst abmeldete. Sie konnte nicht anders, sie musste sich dem Protestzug auf der Ringstraße anschließen. Obwohl der Verbandssekretär der Chemiearbeiter, Kolb, mahnte, der Arbeit nicht fernzubleiben, und mit Konsequenzen drohte, entschied sich Rosa für die Solidarisierung mit der geschockten Wiener Bevölkerung. Sie berichtet über ihre Entscheidung: "Kolb drängte mich, unbedingt sofort ins Büro zu kommen. Er duzte mich und sagte: ‚Du musst kommen, ich brauche dich dringend. Kommst du nicht, musst du die Konsequenzen tragen.‘"
Die Konsequenzen waren ihr bewusst. Doch die Demonstration auf der Ringstraße hatte höhere Priorität. Schweigend, aber einig in der Beurteilung des Unrechtsurteils, bewegte sich der Zug, in dem Rosa und viele ihrer Bekannten mitgingen, in Richtung Justizpalast. Als die Ersten anhielten, Rauch vom Justizpalast aufstieg und Schüsse zu hören waren, gelang es ihr, gemeinsam mit anderen Demonstrierenden, in den dritten Stock eines Eckhauses in der Mariahilfer Straße zu entkommen. Bei der Rückkehr auf die Straße, erfuhren sie, welchem Inferno sie entkommen waren. Die Attacken der Polizeikavallerie, die ungezielten Schüsse der mit Gewehren bewaffneten Polizisten sowie die Gegenwehr der Demonstranten hatten 89 Tote, darunter 4 Angehörige der Exekutive, gefordert. Mehr als 600 Personen wurden schwer, mehr als tausend leicht verletzt.
Julius Braunthal berichtet in seiner Gedenkschrift "Die Wiener Julitage 1927" über zwei bei den Übergriffen der Polizei schwer verwundete Frauen, die nachmittags mit einem Rettungsauto über die Lastenstraße transportiert wurden und deren Rettungsfahrzeug auf der Höhe des Naturhistorischen Museums von einer Polizeiabteilung unter Beschuss genommen wurde.
Die Folge war, dass eine der beiden Frauen an Ort und Stelle einem Kopfschuss erlag und die Sanitäter von den Schüssen verwundet wurden.
Unter den Todesopfern des 15. Juli 1927 werden in den Zeitungsberichten zwei Frauen namentlich genannt. Die 31-jährige Hausfrau Anna Bolzer, sie wurde am 20. Juli 1927 eingeäschert, und die 15-jährige Rote Falkin Adele Stanek, sie wurde am gleichen Tag, begleitet von sechs Roten Falken, zu Grabe getragen.
Rosa Jochmann war Zeit ihres Lebens eine Kämpferin gegen Unrecht, wo immer es ihr begegnete. 1966 replizierte sie im Parlament: "Herr Abgeordneter, wenn Sie mir zurufen, dass ich schon alt bin und noch immer voll Temperament und Angriffslust, fasse ich das als Kompliment auf. Wissen Sie, in meinem ganzen Leben konnte ich eines nicht: Unrecht untätig ansehen und Unrecht erdulden!"
Rosa Jochmann steht für unzählige Frauen, die den Mut hatten, Widerstand zu leisten. Wilhelm Ellenbogen würdigte sie mit folgenden Worten: "Die Hauptstärke der österreichischen Sozialistinnen liegt in der beispielhaften Treue zur Bewegung und der hinreißenden, aus dem Herzen kommenden Wärme ihrer Propaganda. So sind Adelheid Popp, Gabriele Proft, Rosa Jochmann, Maria Emhart und andere wirksam gewesen. Sie sind mutig, opferbereit und vor allem von einer rastlosen, idealerfüllten Hingabe an die Sache."
Wir Sozialdemokratische FreiheitskämpferInnen kennen die Namen zahlreicher Widerstandskämpferinnen und wir werden uns bemühen, ihnen stets für ihren Mut und ihre Opferbereitschaft zu danken.
Edith Krisch
Einladung: Justiz und Zeitgeschichte
Einladung zum Symposium "80 Jahre Justizpalastbrand - Recht und gesellschaftliche Konflikte"
11. und 12. Juli 2007 Justizpalast, Festsaal
11. Juli: 9.30-17.45 Uhr
12. Juli: 9.00-17.20 Uhr
Veranstaltet von den Bundesministerien für Justiz und für Wissenschaft und Forschung in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft, der Vereinigung der österreichischen Richterinnen und Richter, der Vereinigung der österreichischen Staatsanwälte und dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.
60 Jahre Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück

Rosa Jochmann und Fini Muhr bei der Gründungsveranstaltung der Lagergemeinschaft Ravensbrück im Gemeinderatssitzungssaal des Alten Rathauses
Foto: DÖW
Unter dem Motto "Lebendiges Gedächtnis" lud am 1. Juni 2007 die Präsidentin des Nationalrats Barbara Prammer und die heutige "Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freund/-innen" zu einer Festveranstaltung ins Parlament ein. Gerade die ehemaligen Häftlingsfrauen aus dem KZ Ravensbrück waren es, die unermüdlich seit ihrer Gründung Erinnerungsarbeit für ihre ermordeten Kameradinnen in Ravensbrück leisteten, Ausstellungen gestalteten, Publikationen herausgaben, wertvolle pädagogische und zeitgeschichtliche Aufklärungsarbeit leisteten, Sozialarbeit und Hilfe für ihre kranken Leidensgefährtinnen organisierten und einige von ihnen - z.B. Toni Bruha, Hermine Jursa, Bertl Lauscher oder Ester Tencer - auch ehrenamtlich im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes mitarbeiteten.
Am 24. und 25. Mai 1947 fand im Gemeinderatssitzungssaal des Alten Rathauses in Wien die Gründungsversammlung der ehemaligen weiblichen Häftlinge des Konzentrationslagers Ravensbrück unter dem Ehrenschutz des langjährigen Wiener Bürgermeisters Karl Seitz, der selbst Häftling in diesem KZ war, statt. Bei diesem Bundestreffen der Ravensbrückerinnen rezitierte man das berührende, von Käthe Leichter im KZ Ravensbrück verfasste Gedicht "An meine Brüder in den Konzentrationslagern". Käthe Leichter selbst wurde von der SS mit ihren jüdischen Leidensgefährtinnen im März 1942 in der NS-Euthanasieanstalt Bernburg/Saale ermordet. Über sie schrieb bereits im Dezember 1945 Genossin Rosa Jochmann: "Genossin Leichter war die Seele ihres Blockes und uns ,Politischen‘ die Lehrerin, die sie draußen gewesen war. Die Juden waren alle in einem Block untergebracht, 500 im Jahre 1940, niemand wurde so gequält wie sie … Viele wunderbare Gedichte hat Käthe Leichter geschrieben, wir mussten sie über ihren Wunsch alle vernichten, da sie immer sagte: ,Ich habe sie ja im Kopf, und ich weiß, ich komme bestimmt nach Hause.‘
Leider sind nun alle bis auf ein einziges verloren gegangen."
Bei der Gründungsversammlung hielten unsere langjährige Vorsitzende Genossin Rosa Jochmann und die Kommunistin Mela Ernst die Hauptreferate über "Die Österreicherinnen im Widerstandskampf im Lager" und "Zwei Jahre nach der Befreiung". Die Generalversammlung wählte eine Leitung der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück aus zehn Mitgliedern mit den drei Vorsitzenden Rosa Jochmann, Mela Ernst und Mela Flöck.
60 Jahre später fanden neben der Präsidentin des Nationalrats Barbara Prammer, Renate S. Meissner vom Österreichischen Nationalfonds, Brigitte Halbmayr und die Widerstandskämpferin und KZlerin Irma Trksak von der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freund/-innen sowie die ehemalige Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Sigrid Jacobeit, Worte der Würdigung und Lob über den zeitgeschichtlichen Stellenwert dieser österreichischen Lagergemeinschaft. Jacobeit war es, die ein warmherziges Bild unserer Rosa Jochmann - der "Blockova Rosl" - zeichnete. Constanze Jaiser und Jacob David Pampuch begleiteten die Festveranstaltung am 1. Juni 2007 mit Gedichten und Liedern aus dem KZ Ravensbrück.
Heute ist die ehemalige KZlerin und Ravensbrückerin Erna Musik Ehrenvorsitzende der Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer, Opfer des Faschismus und aktiver Antifaschisten.
Herbert Exenberger
Endlich reden!
Filmpräsentation
ENDLICH DARÜBER REDEN -
Eine Kriegsgeneration beginnt zu erzählen. Ein Dokumentarfilm von Herbert Link, 53 Minuten, © 2007
Am Montag, dem 10. September 2007 um 18.30 Uhr
im Festsaal des Technischen Museums, Wien 15, Mariahilfer Straße 212
Freier Eintritt, Platzreservierung erbeten
Tel. und Fax: 01/888 10 39
Die DVD ist ab September 2007 bei AMEDIA erhältlich.
office@amedia.co.at
Der Schönbrunner Kreis
Heinz Weiss, der ehemalige Sekretär der Wiener Kinderfreunde und jetzige Geschäftsführer der Gesellschaft Österreichischer Kinderdörfer, ist unermüdlich tätig, um historische Entwicklungen der Kinderfreunde in der Ersten Republik und in der Nachkriegszeit aufzuarbeiten. Diesmal hat er eine hervorragende Fotoausstellung über die Pädagogen des Schönbrunner Kreises zusammengestellt und sie im Österreichischen Staatsarchiv präsentiert. Nach einer Begrüßung des Direktors des Staatsarchivs, Prof. Dr. Lorenz Mikoletzky, hat Landtagspräsident Johann Hatzl die Eröffnung vorgenommen. Ergänzt durch kaum bekannte Bestände des Archivs der Republik wird dem Besucher die "Schönbrunner Erzieherschule" der Kinderfreunde, in der in den Jahren 1919 bis 1924 im Haupttrakt des ehemaligen kaiserlichen Schlosses Schönbrunn rund hundert junge Menschen zu Pädagogen ausgebildet wurden, vorgestellt. Zu den Professoren zählten damals auch heute noch bekannte Persönlichkeiten wie Dr. Alfred Adler, Dr. Max Adler, Prof. Wilhelm Jerusalem, Marianne Pollak und Josef Luitpold Stern. Direktor dieser Bildungseinrichtung war Dr. Otto Felix Kanitz.
Die Ausstellung wird in der Zeit vom 24. Mai bis 7. Oktober 2007 veranstaltet.
Österreichisches Staatsarchiv, 1030 Wien, Nottendorfer Gasse 2.
Erreichbar mit der U3, Station Erdberg. Die Öffnungszeiten sind werktags Montag und Donnerstag von 9 bis 17 Uhr, Dienstag und Mittwoch von 9 bis 18 Uhr sowie Freitag von 9 bis 13 Uhr.
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